
Wie zu erwarten, ist der Wolf aus Hamburg großes Thema in den Medien und hat damit den Wal in der Ostsee abgelöst. Zahlreiche „Experten“ – ob echte oder selbst ernannte – geben ihren Senf dazu und „Wolfsinfluencer“ hoffen auf Clicks. Internetmedien schrieben sogar schon von der „schwer verletzten“ Frau, die jetzt ihrerseits ein heftiges Bashing ertragen muss.
Ich kann und werde nicht jeden einzelnen Sensationsbericht kommentieren. Ich leite hier auf diesem Blog nur Berichte von seriösen Medien weiter.
Aber eins kann ich mir nicht verkneifen. Leute, wenn ein „aggressiver“ Wolf einen Menschen ins Gesicht beißt, dann gibt es keinen kleinen Kratzer, sondern das sieht anders aus. Ich beobachte seit fast 40 Jahren wild lebende Wölfe in den USA und habe so etwas nur einmal bei einem Gehegewolf gesehen. Und ja, auch ich bin einmal von meiner kleinen rumänischen Tierschutzhündin ist Gesicht gebissen worden, als ich sie kurz nach ihrem Einzug bei mir zu sehr bedrängt hatte. Es war nur ein Kratzer, jedoch bedeutet es, dass jedes Tier beißen kann, wenn es bedrängt wird oder Angst hat. Der Unterschied liegt lediglich in der Beißkraft und dem Willen, zu verletzen. Weder bei meiner Hündin noch bei dem Wolf war dies der Fall.
Ich möchte hier auch eine Lanze für die Frau brechen, die nur helfen wollte und über die nun ein Shitstorm im Internet losbricht. All dies zeigt, was bei unserem Verständnis für Wildtiere und Natur schiefläuft. Versetzen Sie sich einmal in die Frau, die in einem Einkaufszentrum einen vermeintlichen Hund in Panik sieht und dem Tier helfen will. Sie ist keine Expertin und sieht einfach nur einen „großen Hund“ in Bedrängnis. Wer von uns Hundeleuten hätte da nicht auch so gehandelt und versucht, das Tier aus dem Einkaufszentrum herauszudrängen. Jedoch geschieht das Gegenteil, der Wolf rennt immer wieder gegen die Glastür und gerät noch mehr in Panik. Wir sollten hier die Frau nicht dafür verurteilen, dass sie Mitgefühl hatte und helfen wollte. Ich persönlich bin dafür dankbar, auch wenn es nicht überlegt und der falsche Weg war.
Versetzen wir uns auch einmal in die Lage des Wolfes. Er ist schon ein paar Tage durch die Stadt gelaufen. Lärm, Chaos, Autos, andere Hunde und Menschen. Das halte selbst ich als Mensch nicht lange aus. Dass das Tier in Panik gerät, ist kein Wunder. Dass jedoch nichts Schlimmeres geschehen ist, verdanken wir dem außerordentlich umsichtigen Vorgehen der Polizei. Leicht wäre es gewesen – und in einem anderen Bundesland vermutlich auch die schnellste Lösung – das Tier zu erschießen. Stattdessen hat die Polizei versucht, den Wolf einzufangen (sogar aus dem Wasser), was ihr auch gelungen ist. Darum ein ganz großes Kompliment meinerseits an die Polizei und alle, die den Einsatz begleitet und geleitet haben. Auch wenn es oft anders kommuniziert wird, für mich ist die Polizei besonders in diesem Fall tatsächlich ein Freund und Helfer. Wenn ihr etwas tun wollt, bedankt euch bei der Hamburger Polizei! DANKE!
Das Geschehen zeigt aber auch wieder einmal, wie problematisch unser Verhältnis zu Natur und Wildnis ist. Während es schon fast „normal“ ist, Wildtiere in der Stadt zu treffen (Beispiel Waschbären und Wildschweine) müssen wir endlich begreifen, dass dies kein Disneyland ist oder ein Streichelzoo. Es handelt sich um wilde Tiere, die wir respektieren müssen, auch und gerade weil sie sich zufällig in „unseren“ Lebensraum begeben.
Darum LASST SIE IN RUHE !!!. Rennt nicht mit euren Smartphones hinter ihnen her, belästigt und bedrängt sie nicht. Hört auf, Gott spielen zu wollen. Ich verstehe es durchaus, dass man seltene Tierarten retten will. Aber drängt euch ihnen nicht auf. Nehmen wir den Ostseewal als Beispiel, dem man inzwischen schon den Namen „Timmy“ gegeben hat (weil er zuerst am Timmendorfer Strand aufgetaucht ist).
Für alle, die für das Wohl des Tieres verantwortlich sind, ist es ungeheuer schwierig, zu entscheiden, was getan werden muss. Es gibt unterschiedliche Meinungen dazu. Den Wal fragen, ob er gerettet werden oder lieber in Würde sterben möchte, kann leider niemand. Und wer würde schon zuhören, wenn er reden könnte? Jeder, der einmal ein Haustier hat gehen lassen müssen, weiß, wovon ich rede.
Wir Menschen sind emotional und möchten helfen, das ist verständlich und auch eine wunderbare Eigenschaft. Aber irgendwann ist einmal Zeit, loszulassen und der Natur ihren Lauf zu lassen.
Ich habe zwei Wünsche für dieses Osterfest.
Meine Hoffnung ist, dass der Wolf aus Hamburg nicht in einem Zoo oder Gehege untergebracht, sondern dass er, wenn er zu Kräften gekommen ist, in die Freiheit gelassen wird. Ich wünsche ihm, dass er keinen dummen Namen bekommt und eine neue Chance erhält, sich weiter auf Wanderschaft nach einem neuen Partner zu machen. Und ich hoffe auch auf eine Chance für den Wal, entweder, dass er tatsächlich seinen Weg nach Hause findet oder dass man ihm die Würde lässt, in Ruhe zu sterben.
Ihnen allen wünsche ich ein gesegnetes Osterfest im Kreise ihrer zwei- und vierbeinigen Lieben.
Elli Radinger

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