Wissen Wolf: Sprache und Ethik

28. April 2016. Das Umweltministerium Niedersachsen informiert: Wolf MT 6 ist tot. „(…) Entsprechend der Anordnung des Ministeriums wurde das Tier am Mittwochabend im Landkreis Heidekreis im Rahmen einer Maßnahme zur Gefahrenabwehr letal entnommen.“

Die Mitteilung klingt distanziert und neutral. Was tatsächlich geschehen ist:
Am Mittwoch dem 28. April 2016 wurde der niedersächsische Wolf Kurti von einem Scharfschützen der Polizei erschossen und starb.

Kurti war kein Buch oder eine Packung Reis, die man einem Regal „entnimmt“, er war ein – zugegebenermaßen umstrittenes – Lebewesen (die es dem Vernehmen nach unter Menschen auch geben soll), das viele Menschen berührt hatte. Ob die Tötung überhaupt gerechtfertigt war, können wir an dieser Stelle leider nicht diskutieren, weil uns dazu die notwendigen Detailinformationen fehlen. Hier geht es um die neue Art der Sprache, die Wissenschaftler und Behörden neuerdings verwenden, wenn sie über die Natur und Tiere reden.
So spricht man beispielsweise in den USA und in Kanada bei einer Wolfsjagd von einer erfolgreichen „Ernte“ (Harvest). Bei uns in Deutschland werden Manipulationen an der Natur gerne in Begriffe wie „Management“ verpackt. Klingt sauber und modern. Aber Harvest und Management von Wildtieren bedeutet ohne großes Wenn und Aber, die Tiere zu töten, um so deren Population oder „das“ Ökosystem angeblich kontrollieren zu können. Es sind politisch korrekte Worte, die es den jeweiligen Pressesprechern ermöglichen, das Wort „töten“ zu vermeiden.

Wir sind heutzutage stets um eine politisch korrekte Sprache bemüht: Aus „Negerküssen“ werden „Schokoküsse“ oder „Schaumküsse“ und politische Gutmenschen essen statt eines „Zigeunerschnitzels“ ein „Paprikaschnitzel“.
In unserem Sprachgebrauch breiten sich immer mehr Euphemismen aus, also Beschönigungen für unschöne Worte. In erster Linie will man damit bestehende Tabus und soziale Normen nicht brechen, Anstößiges umgehen, angeblich Gefühle schonen oder aus Eigennutz täuschen, tarnen oder Aufmerksamkeit wecken.

Dies erstreckt sich auch auf das Management von Tieren. Mit „neutralen“ Wörtern können wir uns von ihnen – und unseren Taten – distanzieren.
Einer der meist benutzten und politisch korrekt akzeptierten Ausdrücke in Bezug auf Tiere und die Jagd ist „Harvest/Ernte“. Jagdmagazine lesen sich manchmal wie „Schöner Garten“, wo man die reifen Äpfel erntet, während man in Wirklichkeit dem Bären mit dem Hochgeschwindigkeitsbogen einen Pfeil in die Brust schießt. Das „Ernteziel“ besteht nicht mehr darin, zu jagen, um zu essen, sondern um einen Wildbestand zu „kontrollieren“. Das ist fast schon normal. Selten stirbt ein wildes Tier an Altersschwäche. Aber Tiere sind keine Äpfel, Zucchini oder Melonen. Wir pflücken sie nicht von Bäumen. Wir töten sie! Ganz schlimm ist für uns auch die Terminologie der Jäger, wenn sie von einem Tier als „Stück“ sprechen.
Warum benutzen wir diese Worte? Sollen sie den Akt des Tötens neutraler machen?

Wir werden in den nächsten Jahren in der Wolfspolitik immer wieder mit dieser Sprache konfrontiert werden. Darum fordern wir, dass diese Heuchelei endlich aufhört. Wenn die Verantwortlichen nicht offen eingestehen können, dass das, was sie tun, das Töten eines Tieres ist, dann haben sie kein Recht dazu, ein Leben zu nehmen – rechtlich vielleicht schon, aber nicht moralisch.
„Entnahme“ oder „Problemtiere“ sind lächerliche, weil unbiologische Worte. Wir töten! Und wenn wir einen Einzelwolf im Ausnahmefall nach genauer Abwägung wirklich töten müssen, dann sollten wir dazu stehen und das auch aussprechen.

Worte machen einen Unterschied. Sprache ist Macht. Sie ist ein Werkzeug, das unseren Geist kontrolliert, Visionen, Werte und Wünsche formt. Wer sich nicht traut Klartext zu reden, hat schlichtweg etwas zu verbergen.

Fazit: Seien wir wieder menschlich. Wir appellieren an die Journalisten, die Politiker, die Wissenschaftler, wieder Dinge beim Namen zu nennen.

(Auszug aus dem Buch „Der Wolf kehrt zurück“ von Günther Bloch und Elli Radinger)