Rezension: Wildlebende Wölfe

Herdenschutz

Wildlebende Wölfe
Schutz von Nutztieren – Möglichkeiten und Grenzen
Frank Faß
Müller Rüschlikon, 2018
384 Seiten
ISBN 978-3275021086
34,90

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Inhalt
Der Wolf ist nach Deutschland zurückgekehrt und breitet sich zunehmend aus. Zwischen seinem Schutz und der Nutztierhaltung ist ein komplizierter Konflikt entstanden, was auch daher rührt, dass bereits zahlreiche Berichte von Wolfsübergriffen auf Nutztiere vorliegen. Es soll sowohl das konfliktarme Zusammenleben mit dem Wolf angestrebt als auch der Herdenschutz diskutiert werden, wofür zunächst verstanden werden muss, wie Nutztierhaltung funktioniert und welchen Herausforderungen Halter gegenüberstehen. Dieses Buch dient dazu, das komplexe Thema kritisch zu beleuchten und verschiedene Fragestellungen rund um den Herdenschutz zu beantworten.

Inhaltsverzeichnis

  • Einleitung
  • Von Ängsten und Wut um die Nutztierhaltung und Wölfe
  • Die verschiedenen Habitate in Niedersachsen
  • Allgemeine Grundsätze zur Nutztierhaltung
  • Gängige Praxis zur Einzäunung von Nutztieren
  • Lebensweise des Wolfes
  • Jagdverhalten des Wolfes
  • Sinnesleistungen des Wolfes
  • Krankheiten des Wolfes und des Hundes
  • Rechtlicher Schutzstatus des Wolfes
  • Ist die „reguläre“ Wolfsjagd eine Herdenschutzmaßnahme?
  • Herdenschutzmaßnahmen
  • Problemwölfe
  • Empfehlungen und Ausblick

Rezension

Dieses Buch ist ein schweres Geschütz: 1,2 Kilo, 384 Seiten und geballte Informationen. Eine unglaubliche Fleißarbeit (2 Jahre Recherche), vor der ich den Hut ziehe.

Der ehemalige Luft- und Raumfahrtingenieur Frank Faß ist Betreiber des Wolfcenters in Dörverden und langjähriger Vorsitzender des Arbeitskreises Wolf beim Umweltministerium Niedersachsen. Er ist selbst Jäger und in den verschiedenen Interessengruppen von Jagd, Landwirtschaft und Wolfsschutz bestens vernetzt, schreibt also aus der Praxis.

Der Titel „Wildlebende Wölfe“ irritiert ein wenig, geht es doch im Buch überwiegend um den Schutz von Nutztieren. Aber „verlags- und marketingtechnisch“ ist er verständlich, da das Wort „Wolf“ im Titel immer noch mehr Leser anspricht, als „Herdenschutz“. Dabei ist das Buch in dieser Form und mit diesem Inhalt absolut einzigartig, denn bisher gab es – bis auf einige Flyer von Naturschutzorganisationen oder Behörden – keinerlei Fachliteratur zum Thema.

Zugegeben, der Autor ist nicht unumstritten, hat er doch beispielsweise für den Abschuss der Goldenstädter Wölfin plädiert, die immer wieder Zäune übersprang, um Schafe zu töten. Das machte ihn in den Augen mancher Tierschützer zum Feindbild.
Aber Frank Faß ist ein besonnener Mann, der nicht polarisieren will, sondern der sich nach eigenen Angaben als Brückenbauer sieht. Er möchte im Konflikt um wild lebende Wölfe und die Nutztierhaltung Brücken bauen. Da hat er sich einiges vorgenommen. Und so sagt er gleich in der Einleitung: „Ein konfliktfreies Miteinander zwischen Wolf und Nutztierhaltung ist illusorisch.“ Nach 30 Jahren Aufklärung über Wölfe muss ich ihm da (leider) voll und ganz zustimmen. Umso wichtiger sind Bücher wie dieses.

Wir Wolfsschützer konzentrieren uns meist nur auf das Tier Wolf. Oft fehlt es an Verständnis für die Nutztierhalter und deren „Unmut“ (um es milde auszudrücken) gegenüber dem Wolf. Frank Faß sieht beide Seiten, auch weil er mit allen Betroffenen spricht. So erfahren wir gleich im 2. Kapitel in einer bemerkenswerten Aufzählung auch etwas über die Sorgen und Herausforderungen, die Nutztierhalter im Zusammenhang mit dem Wolf haben, über die wir uns bisher kaum Gedanken gemacht haben. Zu Recht wirft Faß den Extrem-Tierschützern mangelnde Empathie für Menschen vor – und uns allen wenig Interesse daran, wie landwirtschaftliche Nutztierhaltung genau funktioniert.
Faß beklagt, dass immer nur von „den Nutztierhaltern“ gesprochen werde. Deswegen differenziert er in seinem Buch genau. Er unterscheidet zwischen Schafen und Ziegen, Damwild, Rindern, Pferden und Ponys. Er geht sogar noch einen Schritt weiter und bezieht auch den jeweiligen Habitat-Typ mit in seine Betrachtungen ein.
Der Autor fordert: „Schafe sind für den Wolf einfach die leichteste Beute, deswegen ist der Schutz dieser Weidetiere unabdingbar.“
Für ihn kann das Zusammenleben mit den Wölfen in Niedersachsen nur gelingen, wenn von allen Beteiligten ein „Mittelweg“ gegangen wird, und zwar abseits extremer Handlungen für oder gegen Wölfe.
„Die Weiterentwicklung des Herdenschutzes im gesamten Kontext betrachtet, wird nur gelingen, wenn alle Beteiligten einen Schritt aufeinander zugehen.“

Für den Autor stellt sich nicht die Frage: Brauchen wir den Wolf – Ja oder Nein –, weil der Wolf einfach schon da ist. Faß beleuchtet das Spannungsfeld Wolf versus Nutztierhalter. Dabei lässt er Menschen reden, hört ihnen zu und stellt auch unangenehme Fragen. Er hinterfragt, kritisiert und analysiert und erkennt Zusammenhänge. Auch geht er auf einen wichtigen psychologischen Aspekt ein, auf die Angst vor dem Unbekannten und vor Veränderungen. In der überhitzten Diskussion um den Wolf strebt Frank Faß das Mittelmaß an, einen Weg, der für alle gangbar wäre.

Zu einigen Kapiteln

Ist die „reguläre“ Wolfsjagd eine Herdenschutzmaßnahme?
Selbst ein Jäger hat der Autor sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt und die Aspekte einer möglichen Wolfsjagd erarbeitet. Diese sehr wichtigen Überlegungen zur Bejagung von Wölfen und warum sie sinnlos ist, sollten m. E. zum Pflichtprogramm der Jagdprüfung gehören.

Gängige Praxis zur Einzäunung von Nutztieren
Ein Zaun ist ein Zaun ist ein Zaun – oder nicht? In diesem Kapitel werden wir eines Besseren belehrt. Die Beschreibungen der zahlreichen unterschiedlichen Zäune für die verschiedenen Tierarten ist in diesem Umfang einzigartig und überrascht den Laien.

Herdenschutzmaßnahmen
Der einzigartige Vorteil des Autors liegt darin, dass er die meisten wolfsabweisenden Zäune direkt bei seinen Gehegewölfen (mithilfe von Futterködern) testen kann. So konnte er (in einer Gehegesituation) simulieren und herausfinden, was funktioniert und was nicht. All dies wird mit zahlreichen, faszinierenden Fotos erklärt.
Der Autor führt alle gängigen Herdenschutzmaßnahmen auf und teilt die Zaunbeschreibungen in die jeweilige Nutztierkategorie ein. Statistiken, Beschreibungen, Abbildungen, Erklärungen, aber auch die Fehler, die man machen kann und ihre Ursachen. Eine echte Fleißarbeit, einzigartig in der Sachbuchliteratur. Wie oft reden wir von „wolfsabweisenden“ Zäunen, können uns darüber außer einem „gängigen“ Elektrozaun nichts vorstellen. Erst dieses Kapitel macht einiges verständlich. So auch die neuen mobilen Haspel-Systeme (von Rappa), die von einigen Schäfern wegen des leichten Handlings sehr gelobt werden. Dieses ausführliche Kapitel ist ein MUSS für jeden Nutztierhalter.

Weitere lesenswerte Kapitel bzw. Unterkapitel
Der Einsatz von Herdenschutztieren. Es geht um Herdenschutzhunde – ihr Verhalten, Aufzucht, Training, Probleme und Lösungen. Und um Esel, Alpakas und Lamas – die Kosten, Unterbringung, Verhalten im Einsatz
Sehr interessant auch die Unterkapitel „Abwehrverhalten der Nutztiere“ und „Überlegungen zum veränderten Nutztiermanagement“. Alles, was es gibt ist in diesem Buch dargestellt, so beispielsweise auch Halsbänder für Nutztiere.

Die Informationen sind so umfassend, dass ich nach Beendigung von „Wildlebende Wölfe“ einzig das Problem sehe, dass jemand, der seine Tiere schützen und sich informieren will, eher überfordert ist, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Frank Faß hat sie alle aufgeführt. Nun liegt es am einzelnen Nutztierhalter die für ihn beste und passende, individuelle Schutzmöglichkeit zu finden. Die Ausrede, dass es nicht möglich sei, seine Tiere gegen den Wolf zu schützen, gilt nach der Lektüre des Buches nicht mehr.

Im letzten Kapitel fasst der Autor noch einmal die wichtigsten Schutzmaßnahmen zusammen und deren Wirksamkeit in einer Tabelle zusammen.

Dieses Buch ist meine absolute Empfehlung für alle, die sich mit dem Schutz von Nutztieren und somit auch zwangsläufig mit dem Schutz von Wölfen beschäftigen.
Ein faires Buch, das alle – wirklich alle – Aspekte beleuchtet. Jeder, der sich im weitesten Sinn mit dem Wolf und seine Auswirkungen beschäftigt, sollte dieses Buch lesen und sich Gedanken machen.

Herdenschutzhund bei der Arbeit
Herdenschutzhund bei der Arbeit auf der Weide der Schäferei Kurt Kucznik in Brandenburg (März 2017). (Foto: NABU/Sebastian Hennigs)