Rezension: Wild leben!

Wild leben!
Unser Weg zurück zur Natur
Nick Baker
wbg Theiss in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG)
285 Seiten
ISBN 978-3806237733
22,00 €

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Inhalt
Stellen Sie sich vor, alle Ihre Sinne sind gespannt, im Nacken prickelt es, Augen fokussieren sich im Zwielicht und plötzlich bricht ein Bär aus den Büschen hervor und läuft nur wenige Meter entfernt an Ihnen vorbei. Der Duft von Regen, zarter Dunst, gereinigte Luft und explosionsartige Aktivität von Tieren und Pflanzen nach einem Wolkenbruch. Der süße Geschmack von wilden Beeren … Über hunderttausende von Jahren lebte der Mensch in und von der Natur er war ein Teil von ihr und existierte mit ihr im Einklang. Erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit sind wir sesshaft und leben in Städten. Das hat unser Verhältnis zur Natur radikal verändert. Industrielle Nahrungsmittelproduktion, moderne Informationstechnologie, automatisierte Arbeitsabläufe all das hat uns weit von der Natur entfernt. Nick Baker zeigt, wie wir die Verbindung zu unserer Umwelt und den darin lebenden Tieren und Pflanzen wiederherstellen können. Und, wie wir uns dabei mit allen unseren Sinnen auf sie einlassen können.

Der Autor
Nick Baker ist Biologe und hat seine Liebe zur Natur zum Beruf gemacht. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, hält Vorträge, leitet Reisen und Exkursionen und ist in Großbritannien bekannt als Fernsehmoderator. Er hat u. a. für die BBC, den Discovery Channel und National Geographic gearbeitet. Daneben spielt er in einer Rockband.
www.nickbaker.tv

Rezension
„Wild leben!“ ist ein Buch für Wildnis-Einsteiger, für Beobachter, für Entdecker – oder Wiederentdecker – der Natur. Es ist selbsterklärend und konzentriert sich überwiegend auf unsere fünf Hauptsinne.

Nick Baker zeigt in jedem der 18 Kapitel, wie wir uns mit jedem unserer Sinne wieder mit der Natur verbinden können. Wir können damit beginnen, dass wir uns um ein Blumenbeet kümmern oder ein Blatt umdrehen, um zu sehen, was darunter liegt. Der Autor erklärt, wie jeder Sinn funktioniert und welche Informationen über unsere Umgebung – und uns – er uns liefert. Dabei empfiehlt er Übungen, wie wir unsere verlassenen Fähigkeiten als Jäger und Sammler wiederherstellen können:

Im Dunkeln sehen: Wie lange dauert es, bis sich unsere Augen von der Helligkeit an die Dunkelheit gewöhnen? Wie erleben wir den Vollmond? Besonders hat mich hier das Kapitel über einen blinden Vogelbeobachter fasziniert.
Geräusche: Sich leise durch das Unterholz bewegen, langsam von der Ferse bis zum Fußballen den Boden testen, ohne dass ein Zweig knackst.
Geruch: Wie riechen Füchse?
Tasten: Barfuß einen schlammigen Pfad gehen, Bäume mit geschlossenen Augen durch das Betasten der Rinde identifizieren.
Geschmack: Wie schmeckt Schneckenschleim und warum werden Schnecken von niemandem gefressen? (Auf S. 224 beschreibt der Autor, wie er an einer Nacktschnecke leckt … Wen wundert die Erkenntnis: „Es schmeckte eklig“? Ganz ehrlich: Diese Erfahrung muss ich nicht machen, um Natur zu erleben.)

Der Autor hat es getan – er hat an einer Nacktschnecke geleckt …

„Wild leben!“ ist eine spannende und äußerst unterhaltende Mischung aus Memoir, Reiseführer, Naturgeschichte und Wissenschaft.

Im ersten Kapitel schreibt Baker über die Rückkehr von Biber, Luchs und Wolf und über die Wiederansiedlung der Wölfe in den Yellowstone-Nationalpark und die damit zusammenhängenden Veränderungen der Natur. Jedoch bleibt er nicht im fernen Amerika, sondern legt den Schwerpunkt des Buches in seine Heimat, nach Großbritannien, und führt uns näher an die heimische Tierwelt heran. Denn im Grunde geht es nicht darum, Wölfe und Bären zurückzubringen, sondern es geht um etwas, das uns allen innewohnt.
Statt uns in die großen Wildnisgebiete dieser Erde zu wünschen oder zu träumen, sollten wir nach Bakers Ansicht das schätzen, was wir direkt vor uns haben.

Der Autor bezeichnet „Wild leben!“ als sein „erstes richtiges Erwachsenenbuch“. Zuvor hat er mehrere Bücher für Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 10 Jahren geschrieben, was aus meiner Sicht ein Vorteil ist, denn Baker versteht es vorzüglich, wissenschaftliche Erkenntnisse leicht verständlich darzustellen. Mit seinen Texten führt er uns in unsere Kindheit zurück, als wir noch ein Interesse an Käfern, Vögeln und anderen Kreaturen der Wildnis hatten, statt mit Stöpseln im Ohr und den Augen auf das Display eines Smartphones herumzulaufen.

Mir gefällt, dass sich dieses Buch auf die Natur vor unserer Haustür konzentriert. Jeder kann nach der Lektüre der einzelnen Kapitel selbst hinausgehen und – mithilfe seiner Sinne – die Wildnis erkunden und die Welt erforschen: barfuß, nachts, auf allen Vieren oder auf dem Bauch durch das Gras robbend.

Unnachgiebig fordert uns Baker auf, uns wieder mit der Natur zum Wohle unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens und damit auch des Planeten als Ganzes zu verbinden. Das können wir beispielsweise auch tun, indem wir verwahrloste Ecken im Garten in Ruhe lassen, damit sich Tiere dort ansiedeln können, auch wenn es sich um vermeintlich „gefährliche“ Wespen handelt oder Fledermäuse.

Grabwespe (Cerceris rybyensis)

Der Autor rät dem Leser, achtsam zu sein, sich bewusst zu machen, was um ihn herum in der Wildnis vor sich geht und dabei jede kleine Nuance seiner Umgebung zu schätzen. Er ist davon überzeugt, dass wir uns als Spezies so grundlegend von der natürlichen Welt getrennt haben, dass wir „ökologisch intolerant“ geworden sind. „Wenn wir nicht zulassen können, dass ein paar Pflanzen und/oder Insekten in unseren Gärten wild werden, welche Chance haben wir, Arten wie Biber, Wölfe oder Luchse wiederherzustellen?“, fragt er.

In „Wild leben!“ geht es darum, sich mit Herz und Seele und durch den Gebrauch all unserer Sinne wieder mit der Natur, der Tierwelt und letztendlich der Wildnis in uns zu verbinden. Baker ist davon überzeugt, dass Menschen, die die Natur verstehen und mit ihr interagieren, sie versuchen, zu retten und zu schützen. Das entspricht auch meiner Erfahrung. Wenn wir uns anderen Arten nahe fühlen, können wir mehr Mitgefühl entwickeln. Das ist es, was die Welt braucht.

Nick Baker vermittelt seine leidenschaftliche Botschaft mit Sanftmut und Mitgefühl für unsere menschlichen Schwächen. Seine Sprache ist sehr poetisch. Sie zog mich schon mit der Einleitung in ihren Bann und ließ mich nicht mehr los: „Ich stand unter einer Erle. Das Dickicht aus dürren, zwergenhaften Bäumen, aus dem sie aufragte, umschloss den Pfad wie ein dunkler, natürlicher Tunnel, ihre Zweige ein paar Meter über mir ausgestreckt und verschränkt wie die Finger eines Denkers, gelegentlich locker genug, um Pfützen klaren Lichts durchzulassen, Schlaglichter auf das, was darunter lag.“ (S. 9)
Oder die Beschreibung der Drohgebährde eines Blattschwanzgeckos (S. 94): „Er öffnet seinen klappdeckelartigen, fransigen, fast krokodilartigen Kopf, schreit wie eine Todesfee und zeigt dabei das scharlachrote Innere seines Mauls.“

In diesem Zusammenhang muss ich dem Übersetzer / der Übersetzerin – die leider nirgendwo im Buch namentlich erwähnt wird – ein großes Kompliment für diese sicher nicht leichte Arbeit aussprechen.

In seinem letzten Satz schreibt Nick Baker: „Alles beginnt mit Ihnen, in diesem Moment.“ Diesen Appell gebe ich an Sie weiter.

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