Rezension: Was Fische wissen

Was Fische wissen

Was Fische wissen
Wie sie lieben, spielen, planen: unsere Verwandten unter Wasser
Jonathan Balcombe
mare Verlag, 2018
352 Seiten
ISBN 978-3866482838
28,00 €

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Inhalt
Der Fisch: ein unterschätztes Wesen und selten niedlich. Angler, Köche und Aquarienbesitzer interessieren sich für ihn, aber unser Herz rührt er kaum, weil wir in seinen Augen nicht lesen und seine Welt nicht begreifen können. Dabei sind die Flossenträger uns Menschen nicht unähnlich – sie sind strategisch und sozial, pflegen aufwendige Balzrituale und lebenslange Beziehungen, können einander täuschen und bestrafen.
Jonathan Balcombe, international anerkannter Verhaltensbiologe und seit Jahren spezialisiert auf das Empfindungsvermögen von Fischen, bricht eine Lanze für unsere aquarischen Verwandten und deren erstaunliche Fertigkeiten – und überrascht mit Erkenntnissen, die weit über den Aquarienrand hinausgehen.

Rezension
Bücher, die das Leben von Tieren und Pflanzen von einer neuen Seite beleuchten, liegen im Trend. Wir glauben, wir wissen alles über „Die Weisheit der Wölfe“ oder „Das geheime Leben der Bäume“. Die Herausforderung solcher Bücher besteht darin, interessante Informationen in einem verdaulichen Format zu vermitteln, ohne das Buch wie ein Lehrbuch klingen zu lassen. Mit „Was Fische wissen“ hat Jonathan Balcombe genau das getan.

Ein Fisch ist ein Fisch ist ein Fisch – so dachte ich bisher. Weit gefehlt. Ich habe in meinem Garten einen kleinen Teich mit Goldfischen, um die ich mich – ich bekenne mich schuldig – in den letzten 20 Jahren herzlich wenig gekümmert habe. Ich habe sie nicht gefüttert (es gibt genug Algen und natürliche Nahrung) und sie haben den Winter unter einer dicken Eisschicht überlebt und unterdessen fleißig Nachwuchs produziert. Jetzt, nach der Lektüre des Buches, fühle ich mich schuldig. Wie habe ich das Leben meiner Fische nur so lange ignorieren können?

„Was Fische wissen“ ist ein aufrüttelndes Buch. Und wie kleingeistig sind die, die Fische immer noch als nicht fühlende „Fressautomaten“ sehen und nicht erkennen, dass sie lebendige Wesen vor sich haben mit einem Sozialleben, Intelligenz, Gefühlen und individuellen Persönlichkeiten. Fische benutzen Werkzeuge, schätzen Musik, gehen auf die kooperative Jagd und lassen sich auf perversen Sex ein. Ja sogar Empathie finden wir bei ihnen, wie der Autor am Beispiel des Goldfisches beschreibt, der unter einen schwer verletzten Artgenossen schwimmt, um ihn an die Oberfläche zu bringen, wo es Futter gibt.

Nur weil Fische nicht schreien, heißt das nicht, dass sie nicht leiden. Nur weil sie nicht wie wir aussehen oder handeln, heißt das nicht, dass sie nicht die ganze Bandbreite an Emotionen wie wir erleben. Dank Jonathan Balcombe wissen wir jetzt, dass sie das tun. Fische haben wie wir alle das Recht, frei von Leiden zu leben.

Das letzte Kapitel, in dem es um kommerziellen Fischfang und Fischzucht geht und um die Überfischung der Meere mit brutalsten Methoden ist nur schwer auszuhalten. Mancher Vegetarier, der zwar fleischlos lebt aber immer noch Fisch isst, wird sich nach diesem Kapitel vegan ernähren wollen.

Balcombe zeigt auf seine eigene ruhige, unaufgeregte und zugleich humorvolle Art, wie sehr Fische und Fischpopulationen unter den Menschen leiden und wie sehr wir auf brutalste Weise die Unterwasserwelt unserer Erde irreparabel schädigen. Das ist populärwissenschaftliches Schreiben vom Feinsten.

Es ist die tiefe Wertschätzung und Zuneigung des Autors für Fische, die den Leser so berührt. Balcombe ermutigt uns, unsere Mitgeschöpfe auf diesem blauen Planeten zu respektieren und zu schätzen – unabhängig davon, wo ihr Lebensraum liegt. Am Ende fragen wir uns, ob es möglich ist, dass die Fische, die sich viel länger entwickelt haben als wir, in mancher Hinsicht vielleicht fortschrittlicher sind?

Videovortrag zum Buch „Was Fische wissen“ • Albert Schweitzer Stiftung

Anfang 2017 lud die Albert Schweitzer Stiftung Jonathan Balcombe nach Berlin ein. Seinen Vortrag hat die Stiftung als Video mit deutschen Untertiteln zur Verfügung gestellt (siehe unten). Ich empfehle Ihnen unbedingt, sich dieses wunderbare Video anzusehen.

Der Seminarraum in der Berliner Werkstatt der Kulturen platzte aus allen Nähten, als Jonathan Balcombe vom geheimen Leben der Fische berichtete. Über vier Jahre recherchierte der Verhaltensforscher intensiv über und unter Wasser. Sein Buch erschien 2016 im Englischen und wurde ein Bestseller – sogar der Dalai Lama empfiehlt die Lektüre. Seit März 2018 ist das Buch auch in deutscher Übersetzung erhältlich.
Balcombe wird als Experte gern für Dokumentationen und Artikel befragt, denn er erzählt und schreibt verständlich, humorvoll und mitreißend. Seine Begeisterung für die Vielfalt und Schönheit der Fische ist einfach ansteckend. Fast zärtlich berichtet er über die Eigenheiten und Komplexität ihrer Biologie und ihres Verhaltens. Der Autor lebt vegan.