Rezension: Leben ohne Ende

Leben ohne Ende
Der ewige Kreislauf des Lebendigen
Bernd Heinrich
Matthes & Seitz, 2019
280 Seiten
ISBN 978-3957576187
34,00 €

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Inhalt
Der Tod ist das unlösbare Rätsel des Lebens. Um ihm auf die Spur zu kommen, wirft der Biologe Bernd Heinrich einen Blick auf die Art und Weise, wie die Tiere, die er viele Jahrzehnte beobachtet hat, mit dem Tod umgehen. Kleine Käfer, majestätische Adler, Raben oder Wölfe – sie alle haben ein Leben nach dem Tod, das uns ständig umgibt, aber im Verborgenen stattfindet.

Der Tod verknüpft die Leben miteinander wie Glieder einer unendlichen Kette: Was stirbt, aufersteht zu neuem Leben, indem es zu Humus oder zum Fraß für andere wird. Heinrich sieht genau hin und zeigt, wie sich die Metamorphosen im Detail vollziehen, welche Rolle Bakterien und Pilze spielen und wie weitreichend der globale Stoffwechsel ist. Er entdeckt eine bunte Welt des Werdens und Vergehens, die uns nicht nur Trost spenden kann, sondern auch ökologische Lehren ziehen lässt.

Der Autor
Bernd Heinrich, geboren 1940 in Bad Polzin, heute Połczyn-Zdrój, emigrierte im Alter von 10 Jahren in die Vereinigten Staaten, ist Zoologe und emeritierter Professor für Biologie an der Universität Vermont. Weltweit bekannt wurde er als Marathon- und Ultralangstreckenläufer sowie durch seine Forschungen über Hummeln, Wildgänse und Raben.

Die Serie „Naturkunden“
In der Serie „Naturkunde“ veröffentlicht Matthes & Seitz Bücher, die von der Natur erzählen, von Tieren und Pflanzen, von Pilzen und Menschen, von Landschaften, Steinen und Himmelskörpern, von belebter und unbelebter, fremder und vertrauter Natur. Der Name der Reihe ist Programm: Hier wird keine bloße Wissenschaft betrieben, sondern die leidenschaftliche Erforschung der Welt: kundig, anschaulich und im Bewusstsein, dass sie dabei vor allem vom Menschen erzählt – und von seinem Blick auf eine Natur, die ihn selbst mit einschließt. Jedes Buch in dieser Reihe ist aufwendig gestaltet, bebildert, in historischen Formaten gebunden, fadengeheftet und mit Frontispiz sowie farbigem Kopfschnitt versehen. Eine lebendige Buchkultur.

Rezension
Ich bin ein großer Fan von Bernd Heinrich und habe fast alle seine Bücher gelesen. Seine Texte sind spannend, verständlich und voller Poesie. So auch „Leben ohne Ende“, in dem es um ein ungewöhnliches Thema geht: die Verwertung von Kadavern.
Die Idee zum Buch hatte der Autor durch einen Freund, der nach seinem Tod im Wald des Autors bestattet und einfach den großen und kleinen Aasfresser überlassen werden wollte. Was für eine wunderbare Beerdigungsform, dachte ich mir, als ich das las. Nichts wird verschwendet, alles der Natur und der weiteren Verwendung wieder zugefügt.
Wenn ich mir das allerdings in der Realität vorstelle, muss ich – mit Verlaub – ein Kichern unterdrücken. Ein Waldspaziergang am Sonntagnachmittag mit den Kindern oder ein Seminar im Waldbaden bekäme eine völlig neue Perspektive.

In fünf Kapiteln beschreibt der Autor, wie Körper und Pflanzen recycelt und aufgeschlüsselt werden: Vom Kleinen zum Großen (Käfer zu Greifvögeln und Raben zu Menschen, den ultimativen Recyclern), von Nord nach Süd (Raben zu Geiern und Kondoren), Pflanzenbestatter (Borkenkäfer zu Mistkäfern), Tod im Wasser (Lachse, Wale und andere Meerestierarten) und Veränderungen (Metamorphose und Todesrituale).

Foto: Peggy Choucair / Pixabay

„Leben ohne Ende“ ist ein großartiges Buch, das ich jedem empfehle, der mehr über die Natur wissen möchte. Heinrich lässt uns auf neue und originelle Art die Welt betrachten. Seine Erkenntnis: alle Lebewesen sind miteinander verbunden. Niemand stirbt wirklich, sondern er wird „recycelt“ mithilfe von Geiern, Raben, Mistkäfern, Kolibris und anderen. Nichts wird verschwendet, nichts geht verloren. So hat unser Planet über Jahrtausende hinweg überlebt und sich weiterentwickelt.
Das Buch öffnet uns neue Ausblicke auf den Tod und auch auf das Leben. Auf Welten, die wir gerade erst zu erforschen beginnen, wie die faszinierende Insektenmetamorphose: von der Raupe zum Schmetterling und vom Engerling zum Käfer. Es geht schlicht und einfach um das ewige Leben.
Ich hatte einmal auf der Straße eine verletzte Krähe gefunden und wollte sie zum Tierarzt bringen. Aber sie starb noch auf der Fahrt dorthin. Ich brachte den Vogel in den Wald und bereitete ihm ein weiches Totenbett aus Moos unter einer Buche. Bei jedem Hundespaziergang besuchte ich ihn in den nächsten Tagen und beobachtete, wie er sich auflöste, bis am Ende nur noch wenige Knochen übrig blieben. Die Krähe kehrte in die Erde zurück, vereint mit der Natur, dem Universum.

Bernd Heinrich hat die Gabe, einem Laien Wissenschaft zu erklären, auf einfache, verständliche Art. Beim Lesen dieses „morbiden“ Themas kommt weder Ekel, Angst noch Abscheu auf, sondern Neugier auf diese uns so fremde Welt. Der Autor untersucht, wie die Tierwelt mit dem Tod umgeht und fragt, was wir daraus lernen können (ökologisch und spirituell). Er erzählt von den Kommunikationsstrategien der Raben und der Teamarbeit zwischen Wölfen und Großkatzen, Füchsen und Wieseln, Weißkopfseeadlern und Kleibern.
Um die Zersetzungsprozesse und die Rolle der Tierbestatter zu beschreiben, untersucht Heinrich die Verfallsraten von verstorbenen Tieren in der Größe von Mäusen und Vögeln bis hin zu großen Säugetieren. Er dokumentiert die Arten von Fliegen und Käfern und die Reihenfolge, in der sie zu einem Hirschkadaver gelangen. Er beschreibt den Prozess, bei dem ein Rabe den Kadaver eines auf der Straße getöteten Eichhörnchens zerlegt, und wie der gesamte Körper eines Hirsches in nur zwei Wochen auf einen Haufen Haare und Knochen reduziert wird. Anschaulich schildert der Autor, wie viele Generationen von Leben sich von einem verrottenden Baumstamm ernähren und tadelt uns Menschen, weil wir der Meinung sind, dass wir die Natur verbessern können, indem wir tote Bäume entfernen und durch gentechnisch veränderte Setzlinge ersetzen.

Mich hat vor allem das Kapitel des „Wal-Recyclings“ fasziniert (S. 152 ff). Denn wie wohl die meisten von uns habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht, was mit einem Wal geschieht, der im Meer stirbt.
In Anbetracht der Tatsache, dass es Wale seit 25 bis 54 Millionen Jahren gibt, „müssen sie verwertet worden sein, denn sonst wären die Meere heute bis zur Wasseroberfläche mit ihren Kadavern gefüllt.“ Zum Glück gibt es die Tiefsee-Bestattungsunternehmer: Haie, Aale, Krabben und Amphipoden skelettieren den Kadaver langsam, und die Knochen werden dann von Bakterien, Schnecken und Würmern kolonisiert und reduziert. Dieser Prozess kann bis zu zehn Jahre dauern – einige Forscher glauben, dass die vollständige Zersetzung eines Wals bis zu hundert Jahre in Anspruch nehmen kann.

Im letzten, persönlichsten Kapitel überlegt Bernd Heinrich, warum wir so schnell die Beweise für die Sterblichkeit begraben:
„Die meisten von uns haben den Wunsch, so lange wie möglich im Diesseits zu verweilen, und das Bedürfnis, an ein Leben danach zu glauben.“(S. 181)
„Wir leugnen häufig, dass wir Tiere sind und Teil des Kreislaufs des Lebens sowie der Nahrungskette. Wir leugnen, dass wir ein Teil dieses großen Fressens sind und versuchen, uns diesem zu entziehen. … Und obwohl wir Billionen von Tieren töten und verzehren und vielen anderen für immer ihre Lebensgrundlagen nehmen, erlauben wir es keinem Tier, uns zu verzehren. Nicht einmal den Würmern (S. 186).“

„Leben ohne Ende“ ist ein faszinierendes Buch, geschrieben von einem der besten Naturschriftsteller und mit zahlreichen farbigen Zeichnungen illustriert. Ein Genuss für jeden Naturliebhaber.

Foto: Nature-Pix / Pixabay

Es bleiben zwei fachliche Kritikpunkte:
Heinrich schreibt im Kapitel „Winter im Norden“ über den Yellowstone-Nationalpark in Wyoming: „Der kürzlich wieder heimisch gewordene Wolf ist jetzt der führende Prädator …“ (S. 71)
„Kürzlich“ ist der Wolf in Yellowstone nicht heimisch geworden, sondern schon 1995/96. Ich habe die Wiederansiedlung der Wölfe in Yellowstone als Mitarbeiterin des Wolfsprojektes von Anfang an begleitet. Heinrichs Buch ging in der Originalausgabe 2012 in Druck, als die Wölfe bereits sieben Jahre in Yellowstone leben, also nicht erst „kürzlich“.

Zur Übersetzung
„… große Greifvögel wie der Weißkopfseeadler oder der Goldadler …“ (S. 69) Der Begriff „Golden Eagle“ ist falsch übersetzt. Es gibt keinen Goldadler, vielmehr heißt dieser Greifvogel korrekt „Steinadler“ (Aquila chrysaetos).
Ein sehr oft vorkommender Fehler bei Übersetzungen aus dem Amerikanischen ist die falsche Verwendung von „Elk“. In Nordamerika werden die großen Wapitihirsche meist „Elk“ genannt, während dies im britischen Englisch die Bezeichnung für den Elch ist, welcher in Nordamerika wiederum „Moose“ heißt. In „Leben ohne Ende“ schreibt Bernd Heinrich auf Seite 49 über seine Heimat Norddeutschland: „… wir sammelten Feuerholz im Wald, als wir auf einen toten Elch stießen …“ Ich vermute, hier steht im Original „elk“, das einfach mit „Elch“ übersetzt wurde, denn der Elch ist erst seit ein paar Jahren in Nordeutschland heimisch und war dies noch nicht zu Jugendzeiten des Autors .
Ohne Zweifel ist „Leben ohne Ende“ mit all seinen Fachausdrücken von Hainer Kober großartig übersetzt, wenn da nicht diese Fehler wären, die vielleicht durch ein Fachlektorat hätten vermieden werden können – und die vermutlich keinem Leser aufgefallen sind außer mir 😉