Rezension: Kleines Zuhause – große Freiheit

Zuhause

Kleines Zuhause – große Freiheit
Erfüllt leben auf weniger Raum – 10 Porträts minimalistischer Lebensmodelle
Julia Seidl (Autorin), Stefan Rosenboom (Fotograf)
Ludwig Verlag, 2019
192 Seiten
ISBN 978-3453281127
20,00 €

Zu beziehen über den örtlichen Buchhandel oder online im Autorenwelt-Shop

Inhalt
Weniger ist mehr – dies wird für immer mehr Menschen zum Leitspruch für die eigenen vier Wände. Tiny Houses und Minimalismus sind Trend. Ob Mini-, Mikro- oder Kleinhaus, Wohnwürfel, ausgebauter Bauwagen oder Austragshaus, ob aus der Not geboren oder freie und bewusste Entscheidung: Der Verzicht auf viel Platz und viele Sachen ist befreiend und macht glücklich. Die BR-Journalistin Julia Seidl hat 10 Menschen besucht und erzählt, wie sie den Weg in ihr jeweiliges (kleines) Zuhause fanden. Der preisgekrönte Fotograf Stefan Rosenboom liefert Bilder dazu und fängt damit die besonderen Stimmungen ein, wie erfülltes Leben auf kleinem Raum aussehen kann. Einfach faszinierend.

Autorin/Fotograf
Julia Seidl, Jahrgang 1965, verbrachte ihre Kindheit in Niederbayern. Einfache Menschen und besondere Lebensläufe faszinierten sie schon damals. Deshalb wurde sie Journalistin – mit Lust an der Recherche und am Porträt. Seit 1997 arbeitet sie als Filmautorin für das Bayerische Fernsehen, 2010 wurde ihr vom Münchner Presse-Club der Herwig-Weber-Preis verliehen. Mit ihren Töchtern Emma und Antonia lebt sie im Münchner Westen.
Stefan Rosenboom wurde 1966 in Frankfurt am Main geboren. Seine Fotoarbeiten haben die Schwerpunkte Natur, Wildnis Afrika, Landschaft und Reportage. Er arbeitet für renommierte Magazine, Buch- und Kalenderverlage und für namhafte Firmen der Outdoorbranche. Er ist Preisträger des Dia-Festivals ElMundo in den Kategorien „beste Präsentation“ (2007 und 2008) und „beste Fotografie“ (2008). Stefan Rosenboom lebt mit seiner Frau Susanne Gogolok und Tochter Silja in Oberbayern. http://www.augenwege.de

Rezension
Dieses Buch ist gefährlich, denn es macht Lust auf ein anderes, ein „kleines“, einfaches Leben.
In der Inhaltsangabe finden wir einen Überblick nicht nur über die Menschen, die in kleinen Häusern wohnen, sondern auch über die Größe der Häuser. Manche Leser werden – so wie ich – die Kapitel nach Quadratmetern auswählen. Ich habe zuerst über das Leben auf sechs Quadratmeter gestaunt und als Kontrast das Kleinbauernhaus mit 85 Quadratmeter als riesig empfunden.

Julia Seidl hat ein spannendes Buch geschrieben, das nicht nur die verschiedenen Kleinst-Wohnprojekte vorstellt, samt ihrer Bewohner, sondern auch noch gesellschaftliche Themen anspricht wie Wohnungsnot oder Minimalismus. Darüber hinaus gibt sie Tipps, Anregungen und Adressen, beispielsweise, wo man in einem Tiny House Dorf einen Probeurlaub verbringen kann.

Die Autorin hat eine sehr gute Auswahl getroffen von zehn ganz verschiedenen Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen in ihre Refugien gezogen sind. Sie alle eint die Sehnsucht nach dem einfachen, minimalistischen Leben, der Wunsch herauszufinden, was wichtig ist. Ein Traum, den auch die Autorin im letzten Kapitel im Selbstversuch ausprobiert.
In „Kleines Zuhause große Freiheit“ versucht Julia Seidl, die Beweggründe der Aussteiger zu verstehen. Dies tut sie mit einem großen Respekt für deren Entscheidung und jede Idee, die dahinter steckt. Das empfand ich als sehr wohltuend.

Dieses Buch macht dem Leser bewusst, dass nichts für immer sein muss. Wir müssen uns nicht entscheiden, ob und wie lange wir in einem Tiny House leben wollen. Wir können uns jederzeit wieder neu entscheiden, so wie Michael, der Eremit, der nur den Sommer über in seiner Scheune im Allgäu lebt und der im Herbst wieder in eine warme Wohnung ins Tal zieht. Wann genau das ist, entscheidet er selbst. Zu seiner Freiheit gehört auch die Freiheit der Entscheidung.

Ich schätze es an diesem Buch besonders, dass die Autorin nicht durch die rosa Brille schreibt, sondern auch die Nachteile eines solchen Lebens erwähnt. Ich selbst habe vor fast 30 Jahren einmal ein Jahr in einer kleinen Blockhütte in der Wildnis gelebt, ohne Strom und fließendem Wasser. Ich weiß, wie hart das Überleben sein kann aber auch, welches Glück darin liegt.

Einige der Wohnformen in diesem Buch haben mir so gut gefallen, dass ich geneigt bin zu sagen: Tausche Einfamilienhaus gegen Tiny House.

Die faszinierenden Farbfotos von Stefan Rosenboom schüren die große Lust aufs „kleine Leben“. Zu den Fotos hätte ich mir allerdings noch eine Erklärung gewünscht oder wenigstens einen Hinweis, wer dort portraitiert wird. Zwar kann man es sich zusammenreimen, aber ein Bildhinweis im Anhang wäre hilfreich gewesen.
Ein wunderschönes Buch in Zeiten des Überflusses. Absolut empfehlenswert.

Andere alternative Lebensformen finden Sie in Büchern über das Leben auf Hausbooten oder in Hütten. Wir haben hier einige Bücher dazu besprochen