Rezension: Gehen. Weiter gehen

Gehen

Gehen. Weiter gehen
Eine Anleitung
Erling Kagge
Insel Verlag, 2018
160 Seiten
ISBN 978-3458177685
16,00 €

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Inhalt
Er ist einer der größten Abenteurer unserer Zeit. Er war auf dem Nordpol und dem Südpol, hat den Mount Everest bestiegen, aber er war auch tagelang zu Fuß in Los Angeles unterwegs und ist hinabgestiegen in die Unterwelt Manhattans. Er hat die Juan Fernández Insel vor Chile aufgesucht, um dort den höchsten Berg zu erklimmen – weil er in die Fußstapfen von Robinson Crusoe treten wollte. Aber auch als Städter ist er ständig unterwegs. Wochentags läuft er zu Fuß zur Arbeit, am Wochenende bricht er auf in die Natur, die gleich hinter der Haustür beginnt.


„Das Leben ist ein langer Fußmarsch“, sagt Kagge. Dies kann ein riskanter Marsch über Gletscherspalten, aber auch ein Spaziergang durch einen städtischen Park sein. Der Effekt ist derselbe: Ein Glücksgefühl stellt sich ein, unsere Gedanken beginnen zu fließen, unser Kopf wird klar, äußere und innere Welt gehen ineinander über, wir werden eins mit der Welt – im Gehen. Denn „der Kopf braucht Bodenhaftung, die bekommt er durch die Füße“.
Der Abenteurer und Weltenwanderer Erling Kagge hat sich auf eine meditative Reise begeben, Philosophen, Autoren und Weggefährten befragt und mit seinen Füßen die Welt ausgeschritten und vergrößert. Das können wir auch. Denn „alle Menschen sind geborene Entdecker“.

Rezension
Manchmal, wenn ich auf der Autobahn im Stau stehe oder auf die verspätete Bahn warte, frage ich mich: Warum tue ich mir das alles an? Gibt es keine andere Möglichkeit, vom einen zum anderen Ort zu kommen? Sogar mit dem Rad durch die Stadt zu fahren, wird immer stressiger. Warum also nicht zu Fuß gehen? Gewiss, es geht deutlich langsamer, aber ankommen werden wir auch so – irgendwann.
Erling Kagges Buch macht Lust aufs Gehen, auf Langsamkeit, auf echtes Erleben. Er nimmt uns mit auf einen Spaziergang. Entspannt, plaudernd, philosophierend, nachdenkend.
Der Autor beschäftigt sich mit etwas, das für viele nicht mehr selbstverständlich ist: dem Gehen. Er fragt: Warum gehen wir? Wo kommen wir her? Und wo gehen wir hin?

Wie auch in seinem Buch „Stille“ werden die Kapitel in „Gehen“ durch Abbildungen unterteilt. Einige von ihnen sind mir unverständlich. Hier hätte ich mir eine Erklärung im Anhang gewünscht. Andere sind selbst erklärend wie die Fotos des Autors in der Arktis oder die Bilder von der NASA. Bemerkenswert das Foto auf Seite 127 – für mich ein Sinnbild, wie weit die Menschheit schon „gegangen“ ist: ein Schuhabdruck auf dem Mond.

Immer weniger Menschen gehen zu Fuß. Wann immer ich in den USA in einer Stadt zu Fuß unterwegs war, hielten Autofahrer an und fragten, ob ich Hilfe brauche, ob sie mich mitnehmen könnten. Als ich verneinte und sagte, ich würde wandern, blickten sie mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Unglaube an und warnten mich vor den Gefahren, die Fußgängern und Wanderern drohen. Dies ist auch dem Autor widerfahren, als er mit Freunden Los Angeles von Süden nach Norden durchwandert hat.

Wie gerne nutzen wir Abkürzungen, um schnell ans Ziel zu kommen. Nur jemand, der wie Kagge die mühsamsten Wege und Routen gewandert ist, weiß, wie beglückend es sein kann, sich Meter für Meter auf ein Ziel hin durchzukämpfen.
Darum plädiert er auch dafür, sich den Alltag ein klein wenig unangenehm zu gestalten, denn sonst verpasse man womöglich das Schönste.

„Gehen“ ist ein sehr erfüllendes Buch, weil es uns in seiner klaren und einfachen Sprache deutlich macht, dass wir alles, was wir brauchen, bereits in uns haben, und dass wir alleine überall hinkommen können, mit unseren Füßen.

Einen Rat, den jeder aus diesem Buch mitnehmen kann, eine Lebensweisheit, einfach und doch so bestechend: Geh jeden Tag spazieren.
Als Hundebesitzerin ist das für mich eine notwendige Selbstverständlichkeit. Als Autorin überlebenswichtig. Beim Wandern habe ich die besten Einfälle. Leide ich unter einer Schreibblockade, nehme ich die Hundeleine vom Haken und gehe mit meiner Hündin spazieren. Schon bei den ersten Schritten sprudeln die Ideen. Es ist die Verbindung zwischen Gehen und Schreiben, die den Geist aktiviert.

Und jetzt entschuldigen Sie mich. Ich muss eine Runde mit dem Hund drehen.

Wandern