Rezension: Die unbewohnbare Erde

Die unbewohnbare Erde
Leben nach der Erderwärmung
David Wallace-Wells
Ludwig Verlag, 2019
336 Seiten
ISBN 978-3453281189
18,00 €

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Inhalt
Die heute schon spürbaren und die schlimmstmöglichen Folgen der Klimaerwärmung sind das Thema des Journalisten David Wallace-Wells in diesem spektakulären Report. Wie kann und wird das Leben auf der Erde in nur 40, 50, 60 Jahren aussehen? Sicher ist: Heutige Teenager und Kinder werden noch erleben, wie sich die Bedingungen für die Menschheit auf der Erde dramatisch verschlechtern, sie werden erleben, wie sie in Teilen unbewohnbar wird. Wallace-Wells macht die vielen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die die Mehrheit der Menschen oft gar nicht erreichen, begreifbar, ja fühlbar. Und am Ende steht die drängende Frage: Haben wir überhaupt noch eine Chance, das Unheil abzuwenden?
Ein polarisierendes, aufrüttelndes und fesselndes Debattenbuch zu einem Thema, das der Menschheit zunehmend unter den Nägeln brennt.

Der Autor
David Wallace-Wells ist Kolumnist und stellvertretender Chefredakteur beim „New York Magazine“, wo er häufig zu Themen wie dem Klimawandel und der Zukunft von Wissenschaft und Technologie schreibt. Im Juli 2017 verfasste er eine Titelgeschichte zu den dramatischen Konsequenzen der Erderwärmung, die innerhalb kürzester Zeit Millionen Leser erreichte und der meistgelesene Artikel in der Geschichte des Magazins wurde. Er löste damit eine globale Debatte unter Wissenschaftlern und Journalisten aus, über die Art und Weise, wie über die Bedrohung durch den Klimawandel informiert werden sollte.

Rezension
Ich lese das Buch während der 2. großen Hitzewelle des Sommers 2019 bei 40°C an einem schattigen Ort im Garten. Ich zähle mich damit zum glücklicheren Teil der Bevölkerung. Viele Menschen können der Hitze und ihren Folgen nicht entfliehen. Wer da noch in trumpscher Manier behauptet, es gäbe keinen Klimawandel, dem fehlt m.E. nicht nur jedes Verständnis, sondern auch der Verstand. Die Lektüre von David Wallace-Wells Buch kann vielleicht helfen, das populistische Geschrei zu entlarven und die Fakten klarzustellen.

In „Die unbewohnbare Erde“ präsentiert der Autor die neuesten Erkenntnisse und Forschungsergebnisse über die zu erwartenden Auswirkungen des Klimawandels im 21. Jahrhundert. Ja, es ist ein Horrorszenario, das er schildert. Jedoch sind sämtliche Themen wie Waldbrände, wirtschaftlicher Zusammenbruch und Klimakonflikte sehr gut recherchiert und auf dem aktuellsten Stand. Der Autor hat zahlreiche führende Klimawissenschaftler konsultiert, wobei er sich auf die Folgen von Temperaturerhöhungen von „nur“ 2 Grad bis 6 Grad konzentriert. Bei all seinen Szenarien bemüht er sich, nicht zu spekulieren, sondern alle Argumente mit Quellen zu untermauern. Empfehlenswert hierzu die ca. 60 Seiten „Anmerkungen“ am Ende des Buches mit weiteren Lesetipps.

Dürre (Foto: Jose Antonio Alba /Pixabay)

Wallace-Wells legt Wert darauf, zu betonen, dass er KEIN Naturschützer ist. Kein Bäume-Umarmer, keiner von „uns“.
„Ich sehe mich nicht einmal als Naturmensch, ich habe mein ganzes Leben in Städten verbracht und erfreue mich an den Apparaten, die in industriellen Lieferketten entstehen. … Ich war noch nie campen. … Ich würde nicht mit meinen eigenen Händen eine Kuh schlachten, um einen Hamburger zu essen, habe aber auch nicht vor, Veganer zu werden“, schreibt er (S. 16) mit einer gewissen, leichten Überheblichkeit, die ihn aber gleichzeitig auch authentisch macht.
Nach seinen Aussagen ist „Die unbewohnbare Erde“ kein Buch über die wissenschaftlichen Aspekte der Erderwärmung, sondern handelt vielmehr davon, wie sich diese Erderwärmung auf unser Leben hier auf diesem Planeten auswirkt – und letztendlich ob und was wir dagegen unternehmen können.
Nach Wallace-Wells steuern wir auf den Untergang zu. Schmelzender Permafrost, kalbende Gletscher, brütende Dürre, Waldbrände, Fluten. Der Autor wirft uns vor, dass niemand Klartext rede. Er tut es – und macht dem Leser eine höllische Angst. Am meisten Angst macht kann uns die Gleichgültigkeit machen, mit der ignorante Politiker auf derartige Warnungen reagieren, bzw. nicht reagieren.

Donau-Hochwasser bei Ulm (Foto: Hans Braxmeier / Pixabay)

Wallace-Wells übernimmt in diesem Buch zwei Aufgaben. Erstens bringt er uns auf den neuesten Stand der Klimawissenschaften und der zuverlässigsten Prognosen über die Auswirkungen des Klimawandels. Wie er betont, glauben wir in unserer Naivität immer noch, dass der Klimawandel nur den Meeresspiegel ansteigen oder die Temperaturen hier und da ein wenig wärmer werden lässt. Jedoch ist es nicht annähernd so einfach. Fein, ich selbst wohne nicht in Küstennähe, sondern im mitten in Hessen, also könnte mir doch der Anstieg des Meeresspiegels egal sein, oder?
Aber das Problem ist vielfältiger. Niemand kann entkommen. Ja, der Meeresspiegel wird steigen, ebenso wie die Temperaturen, so dass einige Gebiete fast unbewohnbar werden. Dürren und Überschwemmungen werden in ihrer Häufigkeit und Schwere zunehmen. Waldbrände, wie in diesem und letztem Jahr in Deutschland und den USA werden an Schwere und Häufigkeit zunehmen. Stürme werden sich vermehren und stärker werden. Etablierte Krankheiten werden sich ausbreiten (Malaria, Dengue-Fieber und Zika sind bei uns angekommen). Die Ernten werden versagen und die Erträge sinken. Natürlich wird die Natur überleben, aber Tier- und Pflanzenarten und ganze Ökosysteme werden verschwinden. Die Menschen werden gezwungen sein, zu wandern, um zu überleben. Und Konflikte werden sich ausbreiten und verschärfen, von innenpolitischen Auseinandersetzungen bis hin zu Kriegen und Bürgerunruhen. Soweit das Fazit des Autors.
Vielleicht werden nun Kritiker und Leugner des Klimawandels Wallace-Wells als Panikmacher darstellen, der sich mit billigem Nervenkitzel und Fake News profilieren will. Jedoch basieren alle Informationen des Journalisten auf wissenschaftlichen Fakten und intensiver Recherche.
Und bei all den Schreckensmeldungen gibt er letztendlich die Hoffnung nicht auf und rät, wie Individuen, Gesellschaften und Nationen auf den zunehmenden Druck reagieren können, dem wir ausgesetzt sind.

Waldbrand (Foto: skeeze / Pixabay)

Sprachlich ist der Autor genial. Er nimmt ein hoch komplexes – und reales – wissenschaftliches Thema und führt Gespräche mit dem Leser darüber. „Die unbewohnbare Erde“ ist kein „Wohlfühlbuch“, dazu ist es zu erschreckend. Aber es ist die Vorbereitung auf eine Zukunft, die ohne Zweifel kommen wird.
Ja, wir Menschen sind anpassungsfähig und vielleicht – nur vielleicht! – überleben wir die kommende „Klimakatastrophe“. Jedoch brauchen wir dazu Zeit und Ressourcen, die wir nicht haben. Außerdem ziehen wir es in unserer Selbstgefälligkeit und Verschwendung vor, die Vorzeichen zu übersehen.
Genau wie die junge Klima-Aktivistin Greta Thunberg uns immer wieder zuruft „Ich will, dass ihr Angst habt“, ist es auch das Ziel des Autors, uns zu erschrecken. Schon im ersten Satz schreibt er: „Es ist schlimm, viel schlimmer als Sie denken.“ Im Laufe des Buches bombardiert er den Leser immer wieder mit Worst-Case-Szenarien des globalen Klimawandels. Ob das tatsächlich etwas ändert, sei dahingestellt. Aber Angst ist nötig und effektiv, um die Dringlichkeit einer Situation zu demonstrieren. Bleibt zu hoffen, dass die Menschen, wenn sie das verstehen, etwas unternehmen werden. Und das wäre dann letztendlich das Positive an einer Klimakatastrophe: dass uns die drohende Vernichtung als Volk und auch als Erdenbürger wieder zusammenschweißt.

Was ich als Naturschützer vermisse, ist eine Erwähnung der anderen – nicht menschlichen – Tierarten. Der Autor konzentriert sich fast ausschließlich auf die Auswirkungen des Klimawandels auf den Menschen, eine meiner Meinung nach zu reduzierte Sicht. Denn würden sich die Ökosysteme auflösen, würden nach Schätzung von Wissenschaftlern alle 24 Stunden 150 bis 200 Arten von Pflanzen, Insekten, Vögeln und Säugetieren aussterben.
Wallace-Wells besteht darauf, dass er optimistisch sei. Was die Zukunft der Erde betrifft, so sei diese „nur düster und nicht apokalyptisch“.

Das Thema und die unvergleichlich kraftvolle und prosaische Schreibweise von Wallace-Wells, erinnern mich an Rachel Carsons Buch „Der stumme Frühling“, das ich gerade zum x-ten Mal lese. Es führte 1962 zum Verbot von Pestiziden in der Landwirtschaft und wurde zur Grundlage der Umweltbewegung. Vielleicht trägt „Die unbewohnbare Erde“ in diesem Sinne dazu bei, die Treibhausgase zu verringern.

Mein Fazit: unbedingt kaufen und lesen. Gute Argumentationshilfe zum Thema Erderwärmung für Jung und Alt. Sollte Pflichtlektüre an Schulen werden.