Rezension: Die Einsamkeit der Wüste

Die Einsamkeit der Wüste
Eine Zeit in der Wildnis

Edward Abbey
Matthes & Seitz, 2016
344 Seiten
ISBN 978-3957573551
32,00 €

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Inhalt
Der Arches-Nationalpark, eine der spektakulärsten Wüstenlandschaften im Herzen Amerikas, steht im Mittelpunkt dieses einzigartigen Buchs, das alles zugleich ist: Autobiografie, Naturbeschreibung, Polemik, Kampfschrift und Abenteuerroman. In faszinierenden Naturschilderungen führt Abbey uns die Vielfalt einer Landschaft vor Augen, die nur auf den ersten Blick tot und einsam erscheint. Sein genauer Blick offenbart dem Leser, dass die Wüste wahrhaft lebt. In diesem längst zu den Klassikern zählenden Buch verarbeitet er sein Leben als Ranger Ende der 1950 er Jahre in der Wüste Utahs. Er sieht sich in dieser Umgebung zugleich als Raub- und als Beutetier, als Eindringling und als willkommener Gast. In diesen Widersprüchen und der Kargheit der Wüste fühlt er sich weitaus mehr zu Hause als in der von ihm als menschenfeindlich wahrgenommenen Industriegesellschaft. So ist ein Werk entstanden, das voller Liebe für die raue Landschaft und die wilde Tierwelt ist, und zugleich voller Hass auf alle, die versuchen, das Gleichgewicht der Natur zu zerstören. Mit Die Einsamkeit der Wüste schuf Abbey eines der wichtigsten Werke des amerikanischen Nature Writing und legte den Grundstein für die moderne Naturschutzbewegung: Als der Text 1968 veröffentlicht wurde, brachte dieser ihm nicht nur den lange erhofften Durchbruch als Schriftsteller, sondern führte auch dazu, dass das von ihm beschriebene Gebiet endlich zum Nationalpark erklärt wurde.

Der Autor
Edward Paul Abbey (* 29. Januar 1927 in Indiana, Pennsylvania; † 14. März 1989 in Tucson, Arizona) war ein amerikanischer Naturforscher, Philosoph und Schriftsteller, der sein Werk dem Südwesten der Vereinigten Staaten widmete. Seine bekanntesten Werke sind Desert Solitaire und der Roman The Monkey Wrench Gang, der radikale Umweltaktivisten zur Gründung von Earth First! inspirierte und den Begriff „Monkeywrenching“ populär machte.

Rezension
Als ich Anfang der 1970er Jahre zum ersten Mal den Südwesten der USA besucht und der Faszination der roten Steine erlag, entdeckte ich dieses Buch im Original (Desert Solitaire) in einem kleinen Buchladen in Moab. Seither ist das mittlerweile zerfledderte Exemplar bei all meinen Reisen in das Land der roten Sandsteinfelsen mit dabei. Auch in meiner Zeit als Reiseleiterin durch die USA. Es hat Eselsohren ohne Ende, zahlreiche Leuchtmarkierungen und überall stehen persönliche Randbemerkungen.

Von Edward Abbey habe ich gelernt, dass man für die Natur kämpfen muss. In jedem seiner Bücher spricht er sich leidenschaftlich für die Schönheit der Wildnis aus und ruft gleichzeitig voller Wut und Rage zum Widerstand gegen die Umweltzerstörer auf (Monkey Wrench Gang).

Die Aufforderung des amerikanischen Dichters Walt Whitman wird sein Motto: „Resist much, obey little“ (Widersetzt euch viel! Gehorcht wenig!)

Arches ist für die „Wüstenratte“, wie sich Abbey selbst beschreibt, „der schönste Ort der Welt“. Er ist berauscht von der Schönheit der Landschaft und dem Leben im Einklang mit der Natur. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen entstand dieses Buch.

Arches Nationalpark

„Die Einsamkeit der Wüste“ sollte grundsätzlich Pflichtlektüre sein für jeden, der den Arches Nationalpark besucht. Einige der im Buch beschriebenen natürlichen Steinbögen sind bereits Geschichte. Die Ring Arch, Wall Arch und Stone Arch sind zusammengebrochen. Viele andere Formationen sind extrem fragil. Der Autor ist ein Mahner aus vergangenen Zeiten.
Der Balanced Rock und die Double Arch, über die er schreibt, stehen immer noch – zumindest standen sie noch bei meinem letzten Besuch vor ein paar Jahren.
Unverändert ist, ist der „Krieg“ von Ranchern und Regierung gegen die Beutegreifer. Der Autor schreibt dazu: „Wir brauchen mehr Kojoten, mehr Berglöwen, mehr Wölfe und Füchse und Wildkatzen, mehr Eulen, Habichte und Adler.“ Sein Appell aus dem Jahr 1968 ist heute leider aktueller denn je.
Die einzelnen Kapitel sind aufrüttelnd und menschlich, und manchmal rühren sie zu Tränen.

Wer den Arches Nationalpark mit seinen Millionen Touristen in der Hochsaison besucht, sehnt sich nach den Zeiten von Edward Abbey zurück.
Immer wieder prangert der Autor die Missstände der Regierung an. Aber auch die auf das Auto fixierten amerikanischen Touristen verschont er nicht und fordert sie auf, ihr Auto zu verlassen: „Vom Auto aus können Sie gar nichts sehen. Sie müssen schon aus der gottverdammten Kiste aussteigen.“
Manche zart besaiteten Leser schockiert er mit brutaler Ehrlichkeit, wenn er beispielsweise schildert, wie er mit einem Stein ein Kaninchen erschlägt – nicht, weil er Hunger hat, sondern weil es für ihn ein „wissenschaftliches Experiment“ ist, herauszufinden, wie man ein Tier ohne Waffe und nur mit bloßen Händen töten kann. Seine Gefühle: „Die Erschütterung beim Blick auf das tote Kaninchen weicht einer milden Euphorie und der Erkenntnis, dass wir alle Opfer und Mörder sind, Raubtiere und Beute.“ Zum Glück sieht er keine Notwendigkeit mehr, das Experiment zu wiederholen.

Wie sich die Zeiten geändert haben: Abbey hat für einen Stundenlohn von 1.95 Dollar gearbeitet. Moab war ein kleiner, ruhiger Ort. Dann kam der Tourismus, mit asphaltierten Straßen und großen Campingplätzen. Der Autor zeigt die Auswirkungen mit erschreckender Deutlichkeit und nennt Beispiele für überflüssige und zerstörerische Entwicklungen. Das tut mir schon beim Lesen weh. Wie weh muss es erst dem Autor getan haben, der das alles miterleben musste?

Wenn ich mein altes Exemplar von „Desert Solitaire“ heute in der Hand halte und zurückdenke, wie sich alles verändert hat, dann stimme ich dem Autor zu, der am Ende seiner Einleitung warnt: „Das Buch ist kein Reiseführer, sondern eine Elegie. Ein Denkmal. Sie halten einen Grabstein in der Hand.“

Abbeys damals radikale Zukunftsversion, die Nationalparks autofrei zu machen, ist heute für einige U.S. Parks zur Realität geworden, wie beispielsweise für Teile des Grand Canyons oder den Zion Nationalpark. Dort müssen die Touristen ihre Autos auf großen Parkplätzen am Rand des Nationalparks abstellen und fahren mit Elektrobussen zu den Sehenswürdigkeiten.

Ein anderes Naturspektakel gibt es inzwischen ebenfalls nicht mehr. Im Kapitel „Den Fluss hinab“ fährt Abbey zusammen mit dem Fotografen Jeremy Sullivan mit einem Boot den Colorado hinunter. Diese Fahrt durch den Glen Canyon ist heute nicht mehr möglich. 1964 wurde der Fluss mit einem Damm zum heutigen Lake Powell gestaut, einem riesigen See, der nicht nur Wüstenstädte wie Las Vegas mit Elektrizität und Wasser versorgt, sondern auch ein gigantisches Touristenspektakel ist. Seinem Zorn über das Bauwerk, das die einzigartige Natur des Canyons zerstört, macht Abbey im Roman „Die Monkey Wrench Gang“ Luft, der ihn zum Helden einer neuen Underground-Bewegung macht.

Edward Abbey hat uns viel zu sagen. Wir müssen seine Texte mit dem Herzen lesen. Ich nehme das Buch immer wieder zur Hand, besonders, wenn ich mal wieder am Populismus der Welt und der Zerstörung der Umwelt verzweifele. Dann gibt mir der Autor mit seiner Liebe zur Natur und seiner Philosophie Kraft und Hoffnung und bringt mich durch seinen Humor zum Lachen.

Edward Abbey, Aldo Leopold und Henry D. Thoreau haben mich mein Leben lang fasziniert und inspiriert. Sie haben in mir schon in jungen Jahren die Sehnsucht nach Einsamkeit und Wildnis geweckt und mich zu der gemacht, die ich heute bin. Ohne sie würde ich vermutlich keine Wölfe, Wildnis und Natur erforschen und wäre einen anderen Weg gegangen.
Ich schließe mich aus voller Überzeugung Abbey an, wenn er sagt „Wir brauchen die Wildnis, ob wir sie nun betreten oder nicht.“

„Die Einsamkeit der Wüste“ ist ein Buch, das jeder Umweltschützer und Politiker lesen sollte. In den 1980er Jahren, als eine Reihe von Beauftragten der Reagan-Ära versuchten, den Naturschutz in einigen U.S. Staaten zu schwächen, wurde das Buch zur Pflichtlektüre für Naturschützer. Abbey sprach vor Hunderten von Menschen, verurteilte die Zerstörung der Natur und die Gier der Politiker. Sein Tod 1989 brachte seine wütende Stimme zum Schweigen, nicht jedoch die Macht seiner Worte. Die New York Times hat einmal über das Buch geschrieben: „Präsident Trump. Bitte lesen Sie Desert Solitaire!“

Gebt dieses Buch den Kids von „Fridays for Future“, die mit dem Gedanken des zivilen Ungehorsams wieder unsere Aufmerksamkeit geweckt haben. Edward Abbey würde es freuen.

Unbedingt erwähnen möchte ich die großartige Übersetzung von Dirk Höfer und seine ausführlichen und informativen Anmerkungen am Ende des Buches. Sie inspirieren zu weiteren Lektüren.
Schön und nostalgisch auch die schwarz-weiß Abbildungen am Beginn eines jeden Kapitels.