Rezension: Der Wal und das Ende der Welt

Wal

Der Wal und das Ende der Welt
John Ironmonger
S. FISCHER, 2019
480 Seiten
ISBN 978-3103974270
22,00 €

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Inhalt
Erst wird ein junger Mann angespült, und dann strandet der Wal. Die dreihundertsieben Bewohner des Fischerdorfs St. Piran spüren sofort: Hier beginnt etwas Sonderbares. Doch keiner ahnt, wie existentiell ihre Gemeinschaft bedroht ist. So wie das ganze Land. Und vielleicht die ganze Welt. Weil alles mit allem zusammenhängt.


John Ironmonger erzählt eine mitreißende Geschichte über das, was uns als Menschheit zusammenhält. Und stellt die wichtigen Fragen: Wissen wir genug über die Welt, in der wir leben? Was brauchen wir, um uns aufgehoben zu fühlen? Und was würdest du tun, wenn alles auf dem Spiel steht?

Der Autor
John Ironmonger kennt Cornwall und die ganze Welt. Er wuchs in Nairobi auf und zog im Alter von 17 Jahren mit seinen Eltern in den kleinen englischen Küstenort, aus dem seine Mutter stammte. John promovierte in Zoologie; nach Lehraufträgen wechselte er in die internationale IT-Branche. Schon immer hat er geschrieben; seine Romane wurden in viele Sprachen übersetzt. Inspiriert zu „Der Wal und das Ende der Welt“ haben ihn unter anderem die biblische Geschichte von Jonas und dem Walfisch, das Werk des Gesellschaftsphilosophen Thomas Hobbes, Jared Diamonds Sachbuch „Kollaps“ und viele andere Quellen der Phantasie und des Zeitgeschehens. John Ironmonger lebt heute in einem kleinen Ort in Cheshire, nicht weit von der Küste. Er ist mit der Zoologin Sue Newnes verheiratet; das Paar hat zwei erwachsene Kinder und zwei kleine Enkel. John Ironmongers Leidenschaft ist die Literatur – und das Reisen auf alle Kontinente. (Quelle)

Rezension
In dieser modernen Interpretation der Geschichte von Jona und dem Wal geht es um die angeborene Güte der Menschen und um unsere Verbindungen zur Welt.
Joe Haak ist Mathematiker und Analyst bei einem Börsenunternehmen in London. Er hat einen Algorithmus entwickelt, der nicht nur Kursbewegungen, sondern auch die Zukunft vorhersagen kann. Sein Programm nennt er „Cassie“: Computer Aided Share Selection and Investment Engine. Cassie kann errechnen, welche Auswirkungen bestimmte wichtige Ereignisse, Entscheidungen und Vorfälle auf die Welt haben werden und kann so um ein paar Stunden vorausschauen und Aktienkurse vorhersagen.

Von Cassie in einen katastrophalen Handel geführt und in dem Glauben, dass der Zusammenbruch der Zivilisation bevorstehe, flieht der verängstigter Joe in das abgelegene Fischerdorf St. Piran in Cornwell.
Dort wird er von den Bewohnern nackt am Strand aufgefunden und gerettet. Der Leser ahnt, dass Joe es nicht leicht haben wird, seinen Platz in der Gemeinschaft des kleinen Dorfes zu finden.

Und dann ist da noch der Wal, der vor der Bucht lauert und am Ufer strandet. Durch seine Überzeugungskraft schafft es Joe, die Dorfbewohner zur Mithilfe zu bewegen und mit ihnen gemeinsam das Tier ins Wasser zurückzubringen. Diese Gabe von Joe, Menschen zu motivieren, erhält später überlebenswichtige Bedeutung, wenn Cassies Prognose eintrifft. Denn gerade, als Joe anfängt, etwas Frieden zu finden, beginnt Cassie, das Ende der Welt vorherzusagen.

In der wachsenden Katastrophe, in der die fragilen Verbindungen, die unserer Welt zugrunde liegen, zusammenbrechen, wird St. Piran zu einer Arche. Joe und die Einheimischen müssen ihre Grenzen schließen und ums Überleben kämpfen.

Bemerkenswert realistisch sind die Zukunftsszenarien. Der Autor stellt die Zusammenhänge von Erdöl, Hunger und Krieg dar: „Bei modernen Kriegen geht es um Ressourcen, Nahrung, Lebensraum, Wasser, Öl (S. 145).
„Eine Nation wird alles tun – alles – um sich selbst zu schützen. Das Einzige, was noch mächtiger ist als der Egoismus des Einzelnen ist der nationale Egoismus (S. 159).“
Machtvoll und erschreckend in ihrer Weitsichtigkeit die Gespräche zwischen Lew Kaufmann und Joe Haak darüber, wie die Zivilisation durch den Verlust nur eines einzigen, wesentlichen Teils aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann. Wir fragen uns: Ja, was wäre tatsächlich wenn …?
(Sehr interessant und lesenswert sind die „Nachbemerkungen des Autors“.) Hier ist es die Grippe, die die Welt zu zerstören und die Menschen in die Apokalypse treiben kann. Wenn da nicht der Wal wäre, der zum zweiten Mal an Land gespült wird …

Die Geschichte wechselt zeitlich von Vergangenheit zu Gegenwart, vom hektischen, lauten Leben in London zum ruhigen, ländlichen St. Piran, wo die Zeit langsam vergeht und wo Joe versucht, sich ein neues Zuhause aufzubauen.

Der Autor schildert die zahlreichen verschrobenen, liebenswürdigen Charaktere mit viel Herz und Humor. Wer fürchtet, den Überblick zu verlieren, der findet am Ende des Buches noch einmal eine Liste mit den Namen aller Beteiligten.

In „Der Wal und das Ende der Welt“ geht es um Fragen, die uns in der heutigen Zeit alle bewegen: Was verbindet uns als Gemeinschaft? Wie würden wir auf eine globale Katastrophe reagieren? Wird die Liebe und Widerstandsfähigkeit uns helfen, den Untergang zu überwinden?
„Der Wal“ kann uns den Glauben an die Menschheit wiedergeben.