Rezension: Darwins Hund

Darwins Hund
Die Geschichte des Menschen und seines besten Freundes
Bryan Sykes
Klett-Cotta, 2019
319 Seiten
ISBN 978-3608964486
22,00 €

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Inhalt
Wie verblüffend doch der alltägliche Anblick eines Menschen ist, der seinen Hund ausführt – ein hochentwickelter Primat und ein wilder Fleischfresser, deren Vorfahren einst Todfeinde waren, leben Seite an Seite, als wäre es das Natürlichste der Welt. Bryan Sykes beleuchtet die innige Beziehung zu unseren treusten Gefährten und zeigt, dass wir sowohl unser Überleben als auch unsere Vormachtstellung einer anderen Spezies verdanken: dem Hund.


Wie kommt es, dass der Mensch eine derartig besondere Beziehung zu einem Wesen eingegangen ist, das auf den ersten Blick ein vollkommen ungeeigneter Verbündeter zu sein scheint? Und wo liegt der Ursprung der tiefen Verbindung über die Grenzen der Spezies hinweg? Der renommierte Humangenetiker Bryan Sykes zeigt, dass alle modernen Hunderassen, die wir heute kennen – von Deutscher Dogge bis Chihuahua –, vom Wolf abstammen und belegt, wie eng verwoben die Entwicklung der Vierbeiner mit der des Menschen ist. Denn erst als früher Homo sapiens und Wolf sich vor Zehntausenden Jahren zusammentaten und begannen, gemeinsam zu jagen, waren sie wirklich erfolgreich. Diese einzigartige Koevolution war für beide Spezies entscheidend. Sykes verfolgt die genetische Entwicklung bis zur Domestizierung und modernen Züchtung verschiedener Hunderassen nach und erläutert, wie der Homo sapiens die Position unangefochtener Herrschaft erlangen konnte, in der wir uns heute befinden. Denn neben der Fähigkeit, Feuer zu kontrollieren, Sprachen zu entwickeln und den Ackerbau zu kultivieren, gibt es einen vierten entscheidenden Faktor: die Verwandlung des Wolfs zum ultimativen Gefährten.

Der Autor
Bryan Sykes, geboren 1947, ist emeritierter Professor für Humangenetik am Wolfson College der Universität Oxford. Er war der erste Wissenschaftler, dem es 1989 gelang, DNS aus antiken Knochen zu extrahieren. Sykes war an zahlreichen wegweisenden Forschungsgruppen beteiligt, die sich mit moderner Genetik befassen.

Rezension
„Darwins Hund“ ist ein interessantes Buch über die Evolution des Hundes, das sich auf die genetischen Aspekte von Hund und Wolf konzentriert. Dabei beschäftigt sich Sykes nicht nur mit der Genetik, sondern berücksichtigt auch fossile Beweise und zoologische Studien.

Der Autor beginnt mit einer bemerkenswerten Offenbarung: Im Gegensatz zu den meisten Autoren von Hundebüchern ist er eigentlich kein großer Hundefreund. Die Erforschung und das Schreiben dieses Buches haben ihm geholfen, einige Ängste in der Kindheit zu überwinden. Obwohl er zunächst die Vorfahren von Menschen und Wölfen als Todfeinde ausweist, legt er schnell seine Karten auf den Tisch: Unsere gemeinsame Geschichte ist nicht eine von Menschen, die Wölfe unterwerfen, sondern die von Koevolution und gegenseitiger Zusammenarbeit.

In „Darwins Hund“ gibt es zahlreiche genetischen Informationen, gepaart mit Erkenntnissen anderer Genetiker, Forschungseinrichtungen und historischer Daten. Darwin wird dabei oft erwähnt. Sykes gesteht aber auch offen, dass einige seiner Hypothesen reine Vermutungen sind.

Nach Sykes macht ihr Rudelverhalten Wölfe sie geeignet, die Kosten und den Nutzen der Zusammenarbeit mit anderen zu übernehmen. Er stellt dar, wie Wölfe mit der Zeit zu den unglaublich vielfältigen Arten der modernen Hunderassen geworden sind. Ein Beispiel sind die bemerkenswerten Beljajew-Experimente, die über Jahrzehnte selektiver Zucht zur Kooperation zeigten, dass Polarfüchse immer mehr zu Hunden wurden, nicht nur im Verhalten, sondern auch im Aussehen.Sykes schreibt viel über die Zucht von Hunden, die Probleme, die sich aus dem Stammbaumsystem der Zucht aus einem kleinen, verwandten Bestand ergeben, und die genetischen Implikationen und möglichen Lösungen für einige der Inzucht Probleme. Er kritisiert den Kennel-Club, der nach seiner Meinung den Genpool von Hunden verzerre, um sogenannte „perfekte Exemplare“ zu erhalten. Beim Foto vom Irischem Wolfshund mit Zwergpudel-Chihuahua-Mischling auf S. 122, fragt man sich unwillkürlich, was der Mensch aus dem stolzen Wolf gemacht hat.

In dem sehr unterhaltenden Kapitel 23 interviewt Sykes Frau Ulla mehrere Hundebesitzer, um zu zeigen, wie stark die Bindung zwischen Mensch und Hund ist. Ich hätte mir mehr dieser Interviews zur Auflockerung gewünscht.
Das Buch wird ergänzt durch informative Tabellen und interessante schwarz-weiß Fotos. Ein Lob dem tollen Cover.

Mein Zwischenfazit: Ein sehr interessantes, verständliches und lesenswertes Buch, dessen Lektüre für jeden interessant ist, der sich mit Genetik beschäftigt.

Kritik:
Massive Kritik muss ich jedoch an den Aussagen des Autors zum Verhalten wild lebender Wölfe anbringen. Offensichtlich hat Sykes für seine Recherche unqualifizierte Quellen hinzugezogen. Ich erforsche seit 30 Jahren wild lebende Wölfe in Yellowstone und kann nicht umhin, auf einige wichtige Falschaussagen hinzuweisen:

  • Schon die Bezeichnungen „Alpha“ oder „Beta“, die der Autor verwendet, sind unkorrekt und entsprechen nicht der modernen Freilandforschung. Man spricht heute von „Leitwölfen“.
  • S. 105: Falsch: „Mittlerweise ist bewiesen, dass das Alpha-Weibchen als einziges Tier Junge in die Welt setzt …“
    Richtig: Bei wildlebenden Wolfsfamilien kommt es immer wieder vor, dass neben der Leitwölfin auch andere Wölfinnen im Rudel Junge bekommen – und manchmal sogar gemeinsam in einer Höhle großziehen. Dies konnte ich mehrmals selbst beobachten.
  • S. 103: Absolut falsch: „Schwache Welpen werden von der Mutter getötet und gefressen“ und „schwache oder kranke Tiere werden vom Rudel getötet“.
    Richtig: Es ist wissenschaftlich erwiesen (und ich kann dies durch eigene Beobachtungen belegen), dass alte und kranke Rudelmitglieder von der ganzen Familie versorgt werden, bis sie wieder gesund sind. In einer Wolfsfamilie wird niemand allein gelassen, geschweige denn getötet. Eine solche Aussage geht gar nicht und macht Jahrzehnte Freilandforschung zunichte. Dies klingt nach dem Verhalten von Gehegewölfen, die sich anders verhalten als wilde Wölfe.
  • S. 93: Falsch: Aussage zu den Wölfen und ihren Beständen in Europa.
    Richtig: Ich weiß nicht, woher diese Zahlen stammen, wir haben inzwischen fast überall in Europa und auch in Skandinavien andere Wolfszahlen.
  • S. 81f: Zum Buch „Ein Sommer mit Wölfen“.
    Inzwischen ist längst bekannt, dass die „wahre“ Geschichte von den arktischen Wölfen, die nur von Mäusen überleben, zum größten Teil erfunden ist. Dies hat Farley Mowat auch zugegeben. In der Realität kann kein Wolf in einer unwirtlichen Umgebung wie der Arktis allein durch den Verzehr von Mäusen überleben. Dazu kostet die Mäusejagd viel zu viel Energie. Trotzdem: Auch wenn es ein schönes Märchen ist, so hat dieses Buch mehr für die Akzeptanz und das Verständnis der Wölfe getan als manches andere.

Soweit nur einige der Falschaussagen zum Wolfsverhalten. Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor für seine Recherche mit anerkannten und seriösen Wolfsforschern gesprochen hätte. So werden diese Mythen leider immer weitergegeben. Darum bleibt bei mir trotz der großartigen genetischen Ausführungen leider ein bitterer Nachgeschmack. Schade!