Rezension: Boten des Wandels

Boten des Wandels
Den Störchen auf der Spur
Holger Schulz
Rowohlt Taschenbuch, 2019
272 Seiten
ISBN-13: 978-3499633706
16,00 €

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Inhalt
Der Storchexperte und Biologe Holger Schulz gibt in seinem Buch Einblick in seine Feldforschung, die wahrhaftig ein Abenteuer ist. Über 30 Jahre hat Schulz die Störche begleitet. Tausende von Kilometern legen sie jedes Jahr zurück: Wenn die Zugvögel im Spätsommer ihre europäischen Brutgebiete in Richtung Afrika verlassen, begeben sie sich auf eine riskante Reise. Welche Gefahren ihnen drohen, welche Hindernisse sie bewältigen müssen und wie unsere Zivilisation ihr Leben beeinflusst – dies und vieles andere hat der Biologe und Storchenexperte Holger Schulz erforscht. Ob im Storchendorf Bergenhusen oder auf wagemutigen Expeditionen fernab jeder Straße: In vielen Winkeln der Erde erkundete er die Lebenswelt der Weißstörche, um mehr über sie herauszufinden und ihr Verhalten zu studieren.

Der Autor
Dr. Holger Schulz, 63, lebt in Bergenhusen. Er ist Biologe und Journalist. Er hat an der Produktion zahlreicher internationaler Tierfilme, besonders für die ARD-Fernsehserie «Expeditionen ins Tierreich», mitgearbeitet. Holger Schulz ist international als Weißstorchfachmann anerkannt und hat mehrere wissenschaftliche Bücher über den Storch verfasst.

Störche
Foto: Patrizia08/Pixabay

Rezension
Ich schreibe diese Rezension während ich an der Lahn sitze und dabei das Nest von zwei Weißstörchen beobachte, die ihren frisch renovierten Wohnsitz erfolgreich gegen drei Konkurrenten verteidigen.
In jedem Frühjahr fahre ich mit dem Fahrrad in das Lahntal (Hessen), um dort die Rückkehr der Glücks- und „Babybringer“ willkommen zu heißen. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Sie gehörten zu unserem Dorfleben und hatten lange Zeit einen Horst auf dem Kirchturm. Als ein Sturm ihr Heim samt Nachwuchs vernichtete, verschwanden auch die Störche. Erst Jahre später kamen sie zurück. Diesmal bauten sie in den Lahnauen und waren mit bloßem Auge oder mit dem Fernglas gut zu sehen.

Vieles an ihrem Verhalten hat mich verwundert und irritiert, beispielsweise, wenn ein Altvogel eines seiner „Kinder“ lebend aus dem Nest warf. Dank Holger Schulz weiß ich nun, dass das nicht ungewöhnlich und ein Teil der Natur ist. So selektieren die Störche nicht lebensfähigen Nachwuchs aus, um den Kräftigeren bessere Lebenschancen zu bieten.

Das Leben von Adebar ist ohnehin kein leichtes. Der Klimawandel macht auch ihm zu schaffen. Trockenheit, plötzliche Wetterumschwünge, Felder und Wiesen, die durch Schädlingsbekämpfungen keine Nahrung mehr bieten. Der Flug in das Winterquartier ist voller Gefahren. Der Autor nimmt uns mit auf die Reise der Störche und wir erleben, wie die schönen, großen Vögel sich von Müllhalden inmitten von Plastikmüll ernähren oder gejagt und getötet werden.

Wenn wir Schulz auf dem Vogelzug folgen, ist das Buch auch eine Art „Reiseführer“, in dem wir nicht auch sehr viel über die Landschaften und das Leben der Einheimischen erfahren, die der Biologe bei der Forschung besucht.

Dieses Buch ist voller faszinierender Informationen, die so nur jemand beschreiben kann, dessen Leidenschaft ihn viele Jahre lang einer Tierart folgen lässt. Aber der Autor berichtet nicht nur über seine Störche, sondern wie er seine Liebe zu ihnen entdeckt hat.

Im Innenteil gibt es zahlreiche ausgezeichnete ungewöhnliche Farbfotos beispielsweise von besenderten Störchen oder von den Vögeln auf Müllhalden. Auf einem fast schon künstlerisch anmutenden Foto aus der Nähe von Madrid sehen wir insgesamt 10 Horste, die auf die Antennen einer aufgegebenen Radiostation gebaut wurden. Das zeigt nicht nur die enorme Anpassungsfähigkeit der Vögel, sondern auch wie schnell die Natur menschliche Bauwerke übernimmt.

Die schönste Szene im Buch ist für mich im ersten Kapitel, wenn der Autor schreibt, wie er mit einem Segelflugzeug inmitten eines Vogelschwarms lautlos dahingleitet. Da kommt mir sofort Reinhard Meys Lied „Über den Wolken“ in den Sinn und ich werde sehr neidisch. Es muss ein besonderes Erlebnis sein, mit Störchen zu fliegen.

„Boten des Wandels“ ist nicht nur ein Sachbuch über das Leben und das Verhalten von Störchen, sondern gleichzeitig auch ein Reiseführer und das Memoir eines Mannes, der für seine Leidenschaft lebt. Unbedingt lesenswert!