BürgerwissenschaftlerInnen verdoppeln wissenschaftliche Daten zum Wolf in Niedersachsen

Bürgerwissenschaftler
Europäischer Wolf (Foto: Theo Grüntjens)

2018 führte die gemeinnützige Naturschutzorganisation Biosphere Expeditions Deutschlands zweite Wolf-Expedition mit Bürgerwissenschaftlern durch. Der wissenschaftliche Bericht dazu liegt nun vor. Dabei verdoppelten die 24 BürgerwissenschaftlerInnen aus aller Welt in nur zwei Wochen intensiver Arbeit nicht nur die alljährlichen Wolfs-Losungsfunde Niedersachsens, sondern waren auch qualitativ auf Augenhöhe mit dem offiziellen Wolfsmonitoring.

Es konnten drei Fähen und sechs Rüden identifiziert werden, zwei davon bisher nicht nachgewiesene, also unbekannte Rüden. Die Expedition erbrachte auch den ersten genetischen Nachweis für das Rudel Wietze und identifizierte zwei Gebiete mit hoher Wolfsaktivität: eines im Landkreis Lüchow-Dannenberg und eines in der Region Celle/Hannover.

Die 45 gesammelten Losungsproben enthielten Reh, Wildschwein, Rothirsch, Damhirsch, Rehartige und Hasenartige. Ein wichtiger Aspekt ist das Fehlen jeglicher Nutztiere in den untersuchten Proben. Dies bestätigt die generell geringen Anteile an Nutztieren in der Wolfsnahrung.

Mit beteiligt und Voraussetzung für den Erfolg der Expedition waren mehrere Wolfsberater, Schäfer, Landbesitzer und sogar Losungsspürhunde; außerdem das Wolfsbüro im NLWKN und die Niedersächsischen Landesforsten. Das Wolfsbüro identifizierte Gebiete von Interesse mit der Expedition und die Landesforsten fragten 2018 zum ersten Mal Untersuchungsgebiete an.
Peter Schütte, wissenschaftlicher Leiter der Expedition und Wolfsberater in Niedersachsen “freut sich außerordentlich über diese Ergebnisse” und “ist stolz, dass wir in zwei Wochen so viel geschafft und die Datenmenge der Losungsproben verdoppelt haben. Ich denke damit dürften alle Zweifel über Sinn und Zweck solcher Projekte aus dem Weg geräumt sein.”
Dr. Matthias Hammer, Gründer und Chef von Biosphere Expeditions ergänzt: „Das Ergebnis übertrifft sogar das im ersten Expeditionsjahr 2017. Über die Zusammenarbeit mit den Landesforsten haben wir uns dieses Mal besonders gefreut. Ich denke die Bitte einzelner Forstämter und Wolfsberater, bestimmte Gegenden mit der Expedition zu bearbeiten, spricht Bände. Gerade weil es zu Beginn des Projekts so viele Anfeindungen, Unkenrufe und Zweifler gab. Ich hoffe jetzt sind wirklich alle überzeugt davon, welch wichtigen Beitrag Bürgerwissenschaft im Wolfs- und Naturschutz leisten kann. Außerdem zeigen die Ergebnisse, dass Wolfsland sein nicht nur Herausforderungen, sondern auch Möglichkeiten und Chancen mit sich bringt. Zu oft wird die Wolfsdebatte emotional, polemisch oder gar populistisch geführt. Probleme dominieren, aber nicht die Chancen, wie zum Beispiel im sanften, naturnahen Tourismus.“

Die nächste Expedition findet im Juli 2019 statt.

Bürgerwissenschaftlerinnen vermessen eine Wolfsfährte

Zusammenfassung des wissenschaftlichen Berichts im Wortlaut
Dieser Bericht beschreibt die Feldarbeit von Biosphere Expeditions im Rahmen eines aktiven Monitorings des großen Beutegreifers Wolf (Canis lupus lupus) in Zusammenarbeit mit dem Wolfsbüro des Landes Niedersachsen und einigen Wolfsberatern.

Die Feldarbeit wurde vom 23. Juni bis 6. Juli 2018 in zwei einwöchigen Gruppen von max. 12 Bürgerwissenschaftlern durchgeführt. Ziel war es, aufgeteilt in Kleingruppen, Wolfshinweise, insbesondere Losungen für DNA-Beprobung und Nahrungsanalysen zu finden.
Von den 24 internationalen Expeditionsteilnehmern kamen 16 Personen aus Deutschland oder seinen unmittelbaren Nachbarstaaten (67%), inklusive zwei Personen aus Niedersachsen (8%), jeweils drei Personen aus Nordamerika und Großbritannien (12,5%) sowie je eine Person aus Island und Australien (4%).
Vor Beginn der Geländebegehungen, ausschließlich auf öffentlich begehbaren Wegen, wurde eine eineinhalbtägige Schulung der Expeditionsteilnehmer durchgeführt.
Das Untersuchungsgebiet umfasste verschiedene Schwerpunktgebiete in Niedersachsen, die vom staatlichen Wolfsbüro, Wolfsberatern vor Ort sowie den Niedersächsischen Landesforsten empfohlen bzw. angefragt wurden. Fünfzehn der 10×10 km großen Zellen des EU-Gitternetzes und fast 750 km wurden zu Fuß oder mit dem Fahrrad untersucht. Alle Rasterzellen wurden mehrfach besucht, so dass sie insgesamt 29 Mal abgedeckt wurden.

Die Expedition identifizierte insgesamt 250 Wolfslosungen im Gelände, 218 davon wurden in das offizielle Wolfsmonitoring aufgenommen. 200 der Losungsproben wurden zur Nahrungsanalyse tiefgefroren an das Labor der Tierärztlichen Hochschule Hannover und die Landesjägerschaft Niedersachsen übergeben. 25 dieser Losungsproben waren frisch genug für DNA-Analysen. Die übrigen 32 Losungsproben sowie Spuren und Fellreste konnten aufgrund der strengen Datenqualitätsvorgaben nicht als Wolfshinweise genutzt werden.
Elf (5%) der 218 gesammelten Losungsproben wurden als C1 (eindeutiger Nachweis) nach dem SCALP-Verfahren bewertet, 69 (32%) als C2 (bestätigter Hinweis) und 137 (63%) als C3 (unbestätigter Hinweis). Eine (<1%%) der Losungen stammte nicht von einem Wolf. Zusätzlich wurde noch eine direkte Sichtung als ein C3 (unbestätigter Hinweis) aufgenommen.
Durch die Analyse der 25 DNA-fähigen Losungen konnten insgesamt 12 Proben Wölfen zugeordnet werden, eine stammte von einem Fuchs. Es konnten drei Fähen und sechs Rüden identifiziert werden, zwei davon bisher nicht nachgewiesene, also unbekannte Rüden. Unter anderem konnte die Expedition den ersten genetischen Nachweis für das Rudel Wietze erbringen. Außerdem konnten zwei Gebiete mit hoher Wolfsaktivität identifiziert werden: eines im Landkreis Lüchow-Dannenberg und eines in der Region Celle/Hannover.

Die Nahrungsanalyse der Losungsproben, die im Jahr 2017 im Rahmen der ersten Expedition gesammelt wurden, ist nun abgeschlossen. 45 Proben, die mit C1, C2 oder C3a bewertet wurden, enthielten 30% Reh (Capreolus capreolus), 29% Wildschwein (Sus scrofa), 18% Rothirsch (Cervus elaphus), 8% Damhirsch (Dama dama), 8% Rehartige und 7% Hasenartige (Lagomorpha). Betrachtet man die Biomasse, verschieben sich die Anteile geringfügig; werden ausschließlich die 21 als C1 bewerteten Losungsproben betrachtet, gibt es leichte, aber keine signifikanten Verschiebungen. Ein wichtiger Aspekt ist das Fehlen jeglicher Nutztiere in den untersuchten Proben. Dies bestätigt die generell geringen Anteile an Nutztieren in der Wolfsnahrung.

Ebenso wie bei der Expedition 2017 ist die Quantität, als auch die Qualität der Losungsproben, die im Rahmen der Expedition 2018 gesammelt wurden, beachtlich. Im Rahmen des offiziellen (passiven) Wolfmonitorings wurden im Jahr 2016/17 insgesamt 215 Losungsproben erfasst, im Jahr 2017/18 etwa dieselbe Anzahl. Das bedeutet, dass die zweiwöchige aktive Bürgerwissenschaftler-Monitoring-Expedition mit 218 protokollierten Losungsproben die Gesamtmenge an Losungsproben und somit wertvoller Daten für das offiziellen Wolfsmonitoring verdoppelt hat. Mit 37% C1- und C2-Bewertungen ist deren Qualität bemerkenswert hoch und vergleichbar mit den 40% des passiven offiziellen Monitorings außerhalb der Expedition. All dies belegt, dass Bürgerwissenschaftler mit eineinhalb Tagen Schulung einen quantitativ und qualitativ hochwertigen Beitrag zum Wolfsmonitoring leisten können.

Summary of the Germany wolf expedition

Impressions from the Germany wolf expedition

Biosphere Expeditions ist eine preisgekrönte gemeinnützige Naturschutzorganisation und Mitglied der IUCN und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen.