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hund leer Wolftagebuch

Brian A. Connolly
(Übersetzung von Elli H. Radinger)
Verlag Peter von Döllen
Worpswede, 2004, 174 Seiten
ISBN 3-933055-30-X
18,00 €

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Das Buch
Wolftagebuch ist ein Buch für die ganze Familie. Es nimmt den Leser mit auf eine Reise tief in die zerbrechliche Welt der Natur und enthält: Abenteuer, Gefahr, eine Liebesgeschichte, vom Aussterben bedrohte Tierarten, indianische Rituale und Legenden, Fliegenfischen, Schulszenen, Tipps für kreatives Schreiben, gute Menschen wie Hawk, den indianischen Geschichtenerzähler, dumme Menschen und eine Landschaft so lebendig, als ob man gerade durch sie hindurchgewandert ist – und natürlich auch Wölfe.
Wolftagebuch soll ganz besonders junge Menschen in die Natur einführen, von der Wölfe ein wichtiger Teil sind. Die meisten Bücher über diese Beutegreifer richten sich an Erwachsene oder jüngere Kinder. Der Autor hat 28 Jahre lang in Amerika an Schulen unterrichtet und immer wieder festgestellt, dass gerade ältere Schüler zu tief greifenden Veränderungen und großer Begeisterung für eine Sache fähig sind. Wolftagebuch ist ein Buch, das ein Katalysator für diese Veränderung sein und diese Begeisterung entfachen könnte.
Wolftagebuch ist ein Roman, der geschrieben wurde, um die nächste Generation, die für das Schicksal der Wölfe verantwortlich ist, aufzuklären. Es führt Jugendliche in die Biologie der Wölfe ein und macht sie für die Bedrohung der Wölfe in der Wildnis empfänglich. Aber Wolftagebuch kann auch den Idealismus wieder erwecken, der bei einigen älteren Lesern bereits eingeschlafen ist, und ohne den alle bedrohten Tierarten noch mehr gefährdet sind. Es ist ein Buch, das Eltern und Kinder gemeinsam lesen können.
Die große amerikanische Umweltschutzorganisation Defenders of Wildlife hat das Buch ihren Mitgliedern empfohlen. Beim renommierten Oregon Book Award 2003 war es unter den Finalisten. Es ist ein Roman, der solide Wolfsbiologie mit literarischer Geschichtenerzählung kombiniert, eine perfekte Mischung aus Kunst und Wissenschaft. Das Buch klärt nicht nur Jugendliche, sondern auch Erwachsene über die Bedeutung von Beutegreifern in der Wildnis auf und erweckt wieder die Begeisterung für ein gesundes Ökosystem.

Der Autor
Brian A. Connolly unterrichtete 28 Jahre lang Kreatives Schreiben an öffentlichen Schulen in Neu England, USA, bevor er nach Bend, Oregon, zog, um dort zu schreiben. Mit seinen beiden Kindern Nathan und Heather veröffentlichte er 1990 das Buch »Bradley’s Christmas Adventure.« Seine Kurzgeschichten und Gedichte sind in vielen Literaturmagazinen von Maine bis Washington erschienen. Connolly wuchs auf in Port Allegany, Pennsylvania, wo die Geschichte von Wolftagebuch spielt.

Leseproben
Aaron hob die Hand. Die Klasse war still.
»Ja, Aaron?«, fragte Mr. Fletcher, sein schlanker Englischlehrer.
»Was Sie also sagen wollen ist, dass wir ein wöchentliches Tagebuch führen sollen zu irgendeinem Thema, das wir uns selbst aussuchen. Ich könnte also über Fahrräder, übers Angeln oder über Mädchen schreiben!« Er hob beide Augenbrauen und lächelte Sara an.

»Richtig, Aaron, obwohl du noch ein paar Jahre warten solltest, bevor du über Mädchen schreibst.« Einige Jungen kicherten.
»Wir werden niemals so viel zu einem einzigen Thema sagen können, Mr. Fletcher«, sagte Sara und warf ihre roten Locken zurück.
»Ihr werdet genug zu sagen haben, wenn ihr euch das richtige Thema aussucht. Es muss etwas sein, das euch wirklich interessiert, etwas für das ihr leidenschaftlich empfindet – mit Ausnahme des anderen Geschlechts.«
Mr. Fletcher schaute Aaron an. »Alle deine bisherigen Tagebucheinträge seit September handeln von unterschiedlichen Dingen. Jedoch haben wir, wenn wir nur eine oder zwei Seiten schreiben, keine Möglichkeit, uns mit irgend etwas intensiver zu befassen. Diese wöchentliche Themenstellung hilft uns, Oberflächlichkeiten in unserem Schreiben und Denken zu vermeiden, hilft uns, etwas, was uns wirklich wichtig ist, zu erforschen. [...] Damit ihr nun herausfindet, was euch am meisten interessiert, schreibt die Zahlen eins bis zehn auf euren Block. Zählt zehn Dinge auf, die ihr besonders mögt. Schreibt nicht einfach nur ‚Tiere‘, das ist zu allgemein.
Schreibt ‚Wolf‘!«

Jimmy schaute mit großen Augen auf. Er hatte bereits Wolf aufgeschrieben. Er fragte sich, ob Mr. Fletcher sein Geheimnis kannte.
»Mir fallen nur fünf Dinge ein«, rief Ricky aus dem hinteren Teil des Zimmers.
Susan flüsterte: »Schreib auf: Nachsitzen.«
»Gar nicht lustig«, sagte Ricky.
Mr. Fletcher fragte: »Hast du Musik, Kunst, Autos, Angeln, Rennen, Tennis, Kochen, Baseballkarten oder Zaubern aufgeschrieben? Was ist mit Jonglieren? Wenn du deine Liste fertig hast, kreise die besten Themen für dich ein.«
Der Lehrer ging zwischen den Tischreihen auf und ab und schaute sich die Listen an, während er Vorschläge machte. »Jimmy, du hast nur ein Thema auf deiner Liste«, sagte er.
»Ich weiß«, sagte Jimmy, »darüber möchte ich schreiben.«
»Ich mach dir einen Vorschlag«, sagte Mr. Fletcher. »Wenn du, nachdem du weitere neun Themen aufgeschrieben hast, immer noch Wölfe machen willst, dann kannst du das tun. Abgemacht?«
»Abgemacht!«, sagte Jimmy.

Mr. Fletcher fuhr fort: »Also, in diesem Tagebuch werdet ihr ins Detail gehen. Ihr werdet eine Menge Fakten über euer gewähltes Thema einfügen, aber was ich wirklich möchte ist, dass ihr über diese Fakten hinaus geht. Erforscht, warum euch das Thema oder Subjekt, das ihr gewählt habt, so anzieht. Was zieht euch dort hinein? Was ist die Quelle dieser Macht? Erweckt das Thema eure Einbildungskraft, und wenn ja, wohin führt euch diese Imagination? [...]
Jimmy schaute hoch in die nächste Reihe zu Sherry. Ihr blondes, seidiges Haar fiel in Locken über ihre Schultern und fing das Licht ein wie ein Wasserfall in der frühen Morgensonne. Als ob sie seine Augen auf sich fühlen könnte, drehte sie sich um und schaute ihn an. Er drehte sich schnell weg und merkte, wie er errötete. Um seine Unsicherheit zu verstecken, hob Jimmy die Hand. »Ich habe jetzt zehn Dinge aufgeschrieben und will immer noch die Wölfe machen. Ist das okay?«
»Ja, Jimmy«, antwortete Mr. Fletcher.

»Hey, Jimmy«, sagte Big Charlie. »Mein Vater meint, dass Wölfe Teufel sind. Der beste ist der, dem man eine Kugel in den Kopf schießt!« Er lachte.
Fletcher schaute ihn streng an. »Dein Vater schreibt kein Tagebuch! Lass mich deine Liste sehen, Charles. Sehr gut: Ballett, Nähen, Plätzchen backen.« Jeder, mit Ausnahme von Big Charlie, lachte.
»Das ist nicht, was ich aufgeschrieben habe«, murmelte er.
Fletcher sagte: »Siehst du, Charlie, es ist nicht nett, wenn man sich über das Thema eines anderen lustig macht.« Das Gesicht von Big Charlie rötete sich, und er brütete über seinem Papier.
Jimmy sagte: »Es ist schon okay, Mr. Fletcher. Ich kümmere mich nicht um ihn. Ist es in Ordnung, wenn wir einige Bilder in unser Tagebuch malen, um zu illustrieren, über was wir schreiben?« Er hatte bereits eine Skizze begonnen von einem Wolf, der durch den Wald rannte.

»Das ist okay, so lange deine Einträge einige Seiten Text beinhalten. Vergiss nicht, Schreiben ist es, was ein Tagebuch ausmacht.«
»Oh, Mr. Fletcher«, fuhr Jimmy fort, »ich habe ein Tagebuch zu Hause, das ich im letzten Sommer gemacht habe. Ich habe noch nichts reingeschrieben. Kann ich das benutzen?«
»Was meinst du mit ‚gemacht‘?«, fragte Fletcher.
»Naja, ich habe nur den Umschlag selbst gemacht. Meine Mutter hat das Papier geschnitten und hineingenäht, so dass ich darauf malen und schreiben kann. Es hat dieselbe Größe wie ein ganz normales altes Schulheft.«
Fletcher sagte: »Ich glaube, je persönlicher euer Tagebuch ist, um so besser. Nur zu, nimm es.«

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Am letzten Samstag wanderte ich an die Quelle des Two Mile Rivers und kam noch vor Sonnenaufgang an. Ich wollte unbedingt wieder die Rauchzeremonie machen und auch eine Opfergabe hinterlassen. Diesmal baute ich das Feuer in Kreisform und band einen ledernen Medizinbeutel, den ich selbst gefertigt hatte, an eine Kiefer in der Nähe. Er enthielt einige alte Münzen, etwas getrockneten Mais, einen Ring aus Wintergras, den ich vom Ufer des Lillibridge River mitgebracht hatte, und ein wenig Kiefernrinde vom Baum neben meinem Schlafzimmer. Ich hätte auch gerne den Wanderstock da gelassen, aber ich habe ihn noch nicht zu Ende geschnitzt. Der Wolfskopf ist zwar fertig, aber ich möchte noch mehr dazu schnitzen: eine Weinrebe, einen Feuerring, Spuren, ein paar Hirsche, den Fluss, den Medizinbeutel. Vielleicht hab ich vergessen, den Wolfsstock zu erwähnen. Vor einigen Wochen habe ich angefangen, ihn zu schnitzen. Wenn ich ihn im Frühjahr fertig habe, lasse ich ihn am Rendezvous-Platz (nahe Two Mile) als Ehrung, als eine Opfergabe da.

Ich ging in einem Kreis herum und begann links, wie es mir Hawk beigebracht hatte. Auch der Wolf bewegt sich in einem Kreis und markiert sein Territorium. Ich eiferte dem Wolf nach. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, also sprach ich laut ein paar Geheimnisse aus, so als ob ich zu Romeo sprechen würde. Dann saß ich still und legte Kiefernzweige auf das Feuer. Ich saß den ganzen Morgen im Schnee. Manchmal konnte ich die Meisen, Eichelhäher und Eichhörnchen hören. Meist jedoch überwog die Stille in den Wäldern.

Der Kontrast zwischen der Hitze, dem Rauch und dem Knistern des Feuers und der eisigen Stille der Wälder war wunderbar. Es war so, als ob das Feuer das brennende Herz der Wälder wäre. Ich fühlte mich privilegiert, hier zu sein. Die Energie war sehr stark, und ich wusste, dass Romeo kommen würde. In meiner Vorstellung konnte ich ihn sehen, wie er entlang des Two Mile River über die Felsen lief, elegant über herabgefallene Zweige sprang, gelegentlich seinen Kopf hob, um den Wind zu wittern. Sein schwarzes Fell, ein Schatten gegen den Schnee. Er hielt an einer Biegung am Fluss an, wo langsames Wasser flüsterte. Seine Ohren aufrecht, wachsam; diese gelben Augen lasen den Pfad. Er markierte den Stumpf eines Schuppenrinden-Hickorybaumes und fuhr fort, weiter nach links im großen Kreis zu laufen.

Ich glaube, Hawk hat recht über die Macht des Kreises. Ich konnte Romeo fühlen, bevor ich ihn sah. Er war diesmal viel näher, nicht mehr als 25 Meter entfernt. Er stand eine Weile still und schaute nach dem Lorbeerbusch. Dann drehte er sich um, sah mich an und legte sich hin mit erhobenem Kopf, als ob er beobachten würde, wie der Rauch hoch stieg. Wir beide schauten uns eine Weile an. Als ich zu ihm sprach, legte er seinen Kopf ein wenig zur Seite, als ob er verblüfft war. Obwohl ich wusste, dass er mich nicht verstehen konnte, sagte ich ihm, dass es so unglaublich wäre, dass er hier in den Bergen sei. Ich erzählte ihm, was mein Vater mir gesagt hatte, über die Männer in der Stadt, die wussten, wie sie seine Spur finden und ihn jagen könnten. Ich sagte ihm, dass er so vorsichtig sein müsse, sich nicht im Tal zu zeigen und dass, wenn er irgendwelche Rinder oder Schafe töten würde, dies das Ende für ihn bedeuten würde. Ich sagte ihm auch, dass er nur im tiefen Wald heulen solle.
Er hörte zu.

Ich sprach leise, um ihn nicht zu erschrecken. Einen kurzen Augenblick lang legte er seinen Kopf auf seine ausgestreckten Vorderpfoten. Sein ganzer Körper war schwarzbärenschwarz mit Ausnahme dort, wo die Sonne eine Kurve auf seinem großen Nacken zeichnete und dem oberen Rand seiner abgerundeten Hüftpartie, wo das dunkle Fell einen leicht violetten Schimmer hatte, so wie die Federn einer Krähe ihre Farben in starkem Licht verändern.
Romeo antwortete nicht auf meine lange Rede. Mit Sicherheit hat er nicht ein Wort davon verstanden. Ich hatte gehofft, er würde winseln oder bellen, aber er kommunizierte nur mit seinen Augen. Sie schienen durch mich hindurch zu sehen, tief in das Zentrum von dem, was ich dachte und fühlte. Vielleicht verstand er mehr, als ich ihm zugestehen wollte. Vielleicht wusste er, dass er ein Außenseiter war an einem Ort, der einst sein Zuhause gewesen war.
Weil ich nicht wagte, mich zu rühren, erlosch schließlich das Feuer. Und als der letzte Zirkel von grauem Rauch sich gegen den Himmel hob und verschwand, verschwand auch Romeo. Ich habe ihn noch nicht einmal weggehen sehen. Er verschwand einfach nur.

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