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leer Wildpferde – Freiheit auf vier Beinen

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Bernd Lamm, Elli H. Radinger
Tecklenborg-Verlag, 2005
112 Seiten, ca. 150 Abb.
gebunden, 28 x 24 cm
ISBN 3-934427-84-7
24,50 €

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leer

Kurzbeschreibung
Die letzte echte Wildpferdeherde lebt im Münsterland: Die Wildpferdebahn, ein 350 Hektar großes Gelände im Merfelder Bruch, ist Heimat der Dülmener Wildpferde. In der von Senken und Wäldern geprägten Landschaft sind die Tiere ganz sich selbst überlassen. Natürliche Auslese sorgt dafür, dass nur die Zähesten, Robustesten und Gesündesten überleben. Einmal im Jahr greift der Mensch in den Pferdealltag ein: beim traditionellen Dülmener Wildpferde-fang. Das beeindruckende Schauspiel, bei dem die 300 Pferde zusammengetrieben werden, lockt jährlich rund 20.000 Besucher an. Dann werden die einjährigen Hengste eingefangen und mit dem Brandzeichen der Herzöge von Croy versehen. Das Buch zeigt das Leben der kleinen, zähen Dülmener Wildpferde in all seinen Facetten.


Leseprobe

Ein Tag im Mai

»Wann kommen denn die Pferde?«, drängelt ein kleines Mädchen und zupft seinen Vater zum wiederholten Mal an der Hose. »Das dauert noch ein wenig. Sieh mal, da sind erst noch die Ponys«, versucht die Mutter sie zu beruhigen. Es herrscht Wildwest-Stimmung an diesem letzten Samstag im Mai im sonst so ruhigen Merfelder Bruch. Das größte Ereignis im Pferdejahr zieht auch diesmal wieder Tausende Besucher in seinen Bann.

Während das kleine Mädchen mit seinen Eltern zum Bratwurststand zieht, lasse ich die Stimmung an diesem heißen Sommertag auf mich wirken. Schon um 11 Uhr ist es bei 29 Grad flimmernd heiß. Der Herzog von Croy soll angeblich einen guten Draht zu Petrus haben, denn stets scheint an diesem Tag die Sonne. Scharen von Besuchern ziehen durch den Staub zur großen Arena. für ihr leibliches Wohl ist ebenso gesorgt wie für die Wünsche der großen und kleinen Pferdenarren. Stände mit Würstchen und Bier und Geschenkartikel rund ums Pferd umsäumen die Arena. Im schattigen Wald haben Familien Decken ausgelegt und picknicken.
Um zwölf Uhr beginnt das große Rahmenprogramm. Ponyreiter, Pferdekutschen und Pferdeakrobaten führen ihre Kunststücke vor.

Dann treffen die Fänger ein. Einer von ihnen ist Heinrich Korte, ein 47 Jahre alter Drehermeister. Seit 13 Jahren macht er schon beim Fang mit. Dabei hat er noch spät angefangen; viele seiner Freunde sind schon mit 18 Jahren in die Fängerriege aufgenommen worden. Heinrich Korte hat sich von der Begeisterung eines Nachbarn anstecken lassen.
Sehr oft wird dieser »Job« auch vererbt. Auch Kortes Sohn wird einmal als Fänger arbeiten. Und er selber denkt noch lange nichts ans Aufhören. »Ich höre erst auf, wenn ich gar nicht mehr kann.« Wildpferde fangen kann süchtig machen. Für Korte liegt die Faszination im persönlichen Wettkampf zwischen Mensch und Tier, bei dem er Sieger sein möchte.

Viele junge Burschen in der Umgebung möchten gerne Fänger werden. Zu viele. Die amtierenden Fänger haben ein Auswahlverfahren. Für sie ist es wichtig, dass die zukünftigen Kollegen zu ihnen »passen«.
»Wir können keine Leute gebrauchen, die sich persönlich profilieren wollen«, erklärt Korte. Wenn ein Fängerposten frei wird, suchen er und seine Freunde einen geeigneten Mann und stellen ihn ein.
Oberförsterin Friederike Rövekamp, die heute für das eigentliche Einfangen zuständig ist, gibt den Männern letzte Anweisungen. Sie weiß, dass Tierschützer die ganze Wildfangaktion mit Argusaugen beobachten. »Das Wohl der Tiere steht bei uns im Vordergrund. Es ist sehr viel schonender, die Hengste mit den Händen zu fangen als mit dem Lasso oder mit Fußschlingen«, sagt sie. »Und das anschließende Leben in Gefangenschaft bedeutet für die Wildlinge zwar den Verlust ihrer Freiheit und ihrer Herde; jedoch ist bei artgerechter Haltung das Leben bei den Menschen längst nicht so hart wie der Überlebenskampf in der freien Wildbahn.«

Inzwischen ist es halb drei. Immer mehr Menschen versammeln sich. Es liegt eine greifbare Spannung in der Luft. Das Vorprogramm wird mit Musik abgeschlossen, und dann wird die Arena komplett geräumt. Die Schmiede beginnen direkt vor mir, die Brandeisen zum Glühen zu bringen. Der Geruch von Holzkohle steigt auf.

Weiter hinten an der Absperrung zur Weide heben die Zuschauer ihre Kameras und deuten in die Ferne. Dann geht ein Raunen durch die Menge. »Sie kommen!« Von Ferne hört man ein leises Grollen, das immer lauter wird. 400 Pferdeleiber kommen in vollem Galopp in die Arena geprescht. 1.600 Hufe wirbeln die Erde hoch und ziehen eine Staubfahne hinter sich her, die für einen Augenblick die Sicht versperrt. Es ist ein unglaubliches Erlebnis. Ich vergesse Zeit und Raum und sehe nur noch die Pferdeherde, die eng geschlossen und im Schutz der Familie durch das Nadelöhr in die Arena donnert. Es ist ein Anblick geballter Naturkraft und Schönheit.

Das ist es also, warum die vielen Tausend Menschen Jahr für Jahr hierher kommen! Jetzt verstehe ich, warum viele süchtig nach diesem Moment werden und ihn immer wieder erleben möchten. Offenbar weckt der Anblick der donnernden Pferdeherde längst vergessene Urinstinkte und -gefühle in uns, lässt uns für einen kurzen Moment eins sein mit der gewaltigen Natur.

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