Rezension: Will sei Dank. Memoiren einer Frau mit Hund

Cover Will sei DankWill sei Dank
Memoiren einer Frau mit Hund
Patricia B. McConnell
Kynos, 2017
272 Seiten
ISBN 978-3954641352
19,95 €

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Inhalt
Als Honorarprofessorin für Tierverhalten, Hundeverhaltensberaterin und Bestseller-Autorin von Hundefachbüchern kennt Dr. Patricia McConnell sich mit Hunden aus wie kaum jemand sonst. Tausenden von Klienten hat sie mit ihren schwierigen Hunden geholfen, und doch ist alles anders als sonst, als der junge Border Collie Will auf ihrer Farm Einzug hält: Sein extrem schwieriges Verhalten bringt sie mehr als einmal an die Grenze – weniger an die des technischen Trainer-Know-Hows als an die emotionale und nervliche. Eine ganz neue Erfahrung, wenn es sich plötzlich um den eigenen Hund handelt!

Rezension
Dieses Buch beginnt mit dem Satz: „Man fand mich früh eines Morgens in der Wüste draußen vor dem Stall, an dem ich an den Wochenenden arbeitete. Ich hatte stundenlang auf dem kalten, körnigen Sand gelegen …“
Ein solcher Satz macht das Buch automatisch zum „Pageturner“, denn schließlich will man wissen, was passiert ist und wie es ausgeht. Bis die Szene aufgelöst wird, müssen die Leser sich allerdings bis zum Schluss gedulden. Es ist ein ungewöhnlicher Anfang für das Buch einer der renommiertesten Hundeexpertinnen, erwartet man doch von Patricia McConnell eher ein Fachbuch im Sinne von „Vom Beißer zum Schmuser“. Tatsächlich ist „Will sei Dank“ alles andere als gewöhnlich; es ist ein Memoir. Die Autorin erzählt abwechselnd aus ihrem Leben und gibt gleichzeitig Einblick in ihre Arbeit mit schwierigen Hunden.

Dabei liegt der Schwerpunkt des Buches auf der Erziehung von Will, einem Border Collie, der lernen soll, Schafe zu treiben. Für viele Fans dieser Rasse, die sich teilweise die Tiere zulegen, „weil sie so schön sind“, wird die Lektüre eine Lektion und Erleuchtung sein. Vielleicht werden sich einige danach noch einmal überlegen, ob Hütehunde tatsächlich zu ihnen passen. Eine Bekannte von mir, die Border Collies züchtet, verkauft ihre Tiere ausschließlich an Menschen, die Schafe oder Gänse zu hüten haben, um dem Hund gerecht zu werden.
Die Leser von „Will sei Dank“ erfahren nicht nur sehr viel über die Bedürfnisse dieser Hunderasse sondern auch über die schwierige Arbeit mit Schafen, die manchmal nicht ungefährlich ist:
„Mutterschafe wiegen zwischen 45 und 80 Kilo und haben Schädel wie Vorschlaghämmer, während Hütehunde nur um die 15 bis 20 Kilo auf die Waage bringen. Aggressive Schafe sind absolut dazu in der Lage, einen Hund gegen einen Zaunpfosten zu donnern und seiner Karriere ein Ende zu setzen, bevor sie überhaupt begonnen hat.“ (S. 71)
Ich wusste, dass Hütehunde grandiose, schnelle und intelligente Arbeiter sind, aber welcher Feinfühligkeit und Hartnäckigkeit es bedarf, sie zu trainieren, wurde mir erst durch dieses Buch klar. Umso mehr bewundere ich nun die Arbeit dieser Kaniden – und ihrer Trainer/Schäfer.

„Will sei Dank“ ist durchaus auch ein Buch, das Wolfsfreunde lesen sollten. Zwar beschäftigen wir uns überwiegend mit Herdenschutzhunden, aber mehr über den Charakter und das Verhalten von Schafen zu lernen, ist auch für den Wolfsschutz wichtig.

In diesem Memoir erfahren wir, wie die Autorin auf den Hund kam – denn ursprünglich  hatte sie nach dem Zoologie-Studium vor, die Kommunikation von Delfinen zu erforschen. Was wäre uns Fans von McConnell da entgangen!  Ein Dank gebührt ihrem Professor, der sie davon überzeugte, sich der nuancierten Art der Kommunikation zwischen Schäfer und Hütehund zu widmen. Daraufhin machte die Autorin in verschiedenen Gebieten der Welt Tonaufnahmen von Schäfern oder Reitern und wies nach, dass Menschen auf der ganzen Welt ähnliche Laute benutzen, um ihre Arbeitstiere schneller oder langsamer zu machen. Als Hundehalter werden wir an uns selbst bemerken, dass wir unsere Lieblinge ganz instinktiv mit einem hohen „Hiiiiiier!“ rufen und einem tiefen „Platz!“ oder „Down“ ins Liegen bringen.
McConnell zeigt in diesem Buch anhand vieler Beispiele die Bedeutung einer klaren Kommunikation zwischen uns und anderen Lebewesen.

Betroffen war ich von der Aussage der Autorin, dass Hunde die ganze Zeit versuchen, mit uns zu sprechen. „Wir müssen nur zuhören“, sagt sie uns. „Sie haben eine leise Stimme, und leider wissen die meisten Menschen nicht, wie man hinhört.“ Wie traurig. Da versuchen unsere vierbeinigen Lebenspartner mit uns in Kontakt zu treten und wir hören nicht zu.

Besonders berührt hat mich in diesem Zusammenhang auch die Beschreibung von verängstigten Hunden, die sich nicht mehr anfassen lassen wollen, weil das bei ihnen eine regelrechte Panik auslöst. Es ist erschreckend, wie sehr Angst das Verhalten von Mensch und Hund ändern kann. Sehr deutlich wird das bei Will, dem traumatisierten Welpen, den die Autorin zu sich holte. Es brauchte viele Jahre äußerster Geduld und Erfahrung, bis sie seine Verhaltensprobleme halbwegs in den Griff bekam. Wenn eine derart erfahrene Trainerin vor Erschöpfung fast zusammenbricht, dann wird uns bewusst, welch eine Leistung McConnell vollbracht hat. Letztendlich erkennt Sie, dass sich beide – Will und sie – in ihren Ängsten und Gefühlen ähnlich sind und dass sie mit der Heilung von Will auch sich selbst heilen kann.

Wenn Sie „Will sei Dank“ gekauft haben, weil Sie dachten, es handele es sich um einen Verhaltensratgeber, dann werden Sie vielleicht enttäuscht sein. Denn ein Großteil des Buches ist die Lebensgeschichte einer durch sexuelle Gewalt und Missbrauch verletzten Frau, die versucht, ihre Angst durch die Arbeit mit Hunden zu überwinden. Für diese Ehrlichkeit und Bereitschaft, ihre Gefühle offenzulegen hat McConnell meine uneingeschränkte Bewunderung.
Am Ende lernen wir, dass wir alle unsere Vergangenheit in jede Beziehung, die wir eingehen, mitbringen – auch in die zu unseren Hunden. Beide, Menschen und Hunde, erleben Traumata, die Einfluss auf ihr Verhältnis zu anderen nehmen können. Ich habe durch dieses Buch viel über die Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) gelernt und welche Auswirkungen sie auf Menschen und Tiere haben kann.

„Will sei Dank“ ist kein leichtes Buch. Dazu sind die Hundegeschichten zu schmerzhaft. Oft habe ich mich beim Lesen gefragt, wie unsensibel wir manchmal Hunden und anderen Menschen gegenüber sind. Zum Glück gibt es Menschen wie Patricia McConnell, die uns durch die Überwindung der Angst Empathie, Liebe und Vergebung lehren. Ein großer Dank dafür.

Die wunderschöne, literarische Sprache der Autorin hat mich begeistert. Das einzige, was mich an diesem Buch stört, ist der Satz/das Layout. Der Blocksatz, der bei jedem Absatz von einer Leerzeile auseinandergezogen wird, unterbricht immer wieder den Lesefluss und schmälert ein wenig den Genuss an der Lektüre.