Rezension: Stille. Ein Wegweiser

Stille

Stille. Ein Wegweiser
Erling Kagge
Insel Verlag, 2017
144 Seiten
ISBN 978-3458177241
14,00 €

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Inhalt
Was ist Stille? Wo ist sie? Warum ist sie heute wichtiger denn je? Lange hat Erling Kagge sich mit diesen drei Fragen beschäftigt. Angeregt durch Freunde und Wegbegleiter wie Marina Abramoviã, Jon Fosse, Elon Musk und Oliver Sacks, ist er in seinem Buch zu dreiunddreißig Antworten gekommen. Entstanden ist ein Wegweiser für den modernen Menschen auf seiner Suche nach Stille, Ruhe, Frieden – überall dort, wo es laut ist.
Dieses atemberaubende Buch lehrt uns, die kostbaren Momente der Stille zu finden – ob in der Antarktis oder auf dem Mount Everest oder in einem Zug während des Berufsverkehrs.

Stille

Rezension
Eigentlich sollte es dieses Buch auf Rezept geben. Verschrieben und bezahlt von den Krankenkassen für gestresste Menschen. Denn schon allein der Umschlag beruhigt und senkt den Blutdruck. Wenn Sie das nicht glauben, öffnen Sie den Schutzumschlag und schauen sich den Festeinband an. Ihr wird gleich wieder steigen. Dass diese beiden Seiten in so krassem Gegensatz stehen, ist geschickt gemacht und verfehlt nicht seine Wirkung. Mein erstes Lob geht daher klar an die Coverdesigner. Selten hat ein Cover so sehr den Inhalt eines Buches wiedergespiegelt.

Je länger ich mir die Innenseite anschaue, umso mehr möchte ich mich in das äußere Cover versenken: Ein schlichtes Cremeweiß mit einer einfachen Linie in der Mitte. Nein, kein schnurgerader Strich wie mit dem Lineal gezogen, sondern eine leicht gewölbte Line. Es ist, als stehe man in einem Schneefeld und betrachte den Horizont.

Auch das Layout ist minimalistisch mit viel Platz auf den Buchseiten. Keine Kapitelüberschriften, was auf den ersten Blick irritiert, weil man nicht weiß, von wem das jeweilige Kapitel ist. Aber letztendlich ist es unwichtig, wer was sagt, denn hier schreiben Menschen gleicher Geisteshaltung. Der Leser kann sich ganz auf den Text konzentrieren und auf die wenigen schönen Farbfotos. Dass sie (bis auf die Kunstdrucke) ohne Bildunterschriften auskommen, ist in seiner Einfachheit ebenso wohltuend.

Die 33 Geschichten über Stille und Einsamkeit, sowohl vom Autor als auch von befreundeten Schriftstellern und Philosophen sollen weder ein Achtsamkeitsratgeber sein noch ein Meditationsbuch, sagt der Autor in einem Interview (7.1.2018) im heute-journal.

Wie erfreulich. Kein Anspruch, dem Leser Werkzeuge für‘s schnelle stille Glück in die Hand zu geben. Man stelle sich vor, es hätte einen Anhang gegeben, in dem Kagge die Orte seiner Faszination beschreibt – sie wären nicht mehr lange still. Alles, was der Autor will ist, seine eigenen Erfahrungen mit dem Leser zu teilen. Dabei enthebt er uns nicht der Mühe – und der Freude –, unseren eigenen stillen Ort zu finden.

Stille – so Kagge – bedeutet, auf dich selbst zu hören, auf die Menschen die du liebst und auf die Welt um dich herum. Dort findest du Freude und einen Sinn. Kagge entführt uns in die Stille in uns selbst und zeigt uns, dass wir auch in einer lauten Welt Stille empfinden können.

„Stille“ ist ein magisches Buch, das ich immer wieder zur Hand nehme, wenn ich das Hamsterrad des hektischen Alltags anhalten will, wenn ich kleine Fluchten suche.

Ist es möglich, Stille in Worte zu fassen?
Stille bedeutet für jeden etwas anderes. Der Autor beschreibt, wie beängstigend sie für manche sein kann und wie Experimente gezeigt haben, dass Menschen lieber Schmerzen ertragen als absolute Stille für längere Zeit. Stille ist heutzutage ein Luxus, ebenso wie digitale Abstinenz und überlebenswichtig für unsere Gesundheit.

Auch ich suche immer wieder die Stille. Ich bin oft in der Natur an wahrhaft stillen Orten oder besuche ab und zu ein Schweigekloster. Ich finde sie aber auch in meinem Zuhause. Vielleicht muss man die Stille gar nicht gezielt suchen, sondern sich einfach nur hineinbewegen, in die Stille in unserem Kopf. Das Buch gibt eine gute Anleitung hierzu.

Kagge selbst hat immer wieder die Stille aufgesucht. Er war der Erste, der sowohl Süd- und Nordpol als auch den Mount Everest erreichte, er segelte über den Atlantik bis in die Karibik und zurück nach Norwegen und durchquerte die Tunnelsysteme von New York (wahrlich kein stiller Ort).

Gleichzeitig hat er neben seiner Tätigkeit als Autor ein enorm hektisches Leben als Rechtsanwalt, Verleger, Unternehmer und Kunstsammler. Wie schafft er das? Die Antwort auf diese Frage versuche ich im Buch zu finden, aber so leicht macht er es mir nicht. Am Ende weiß der Leser, dass nur er selbst seinen Weg in die Stille finden kann – egal wo auf dieser Welt.

Danke für dieses wunderbare Buch.