Rezension: Im Wald

Wildnis und Einsamkeit vor der HaustürIm Wald
Kleine Fluchten für das ganze Jahr
Torbjørn Ekelund
Malik, 2016
272 Seiten
ISBN 978-3890294704
18,00 €

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Inhalt
Abenteuer kann man überall erleben – dafür muss man weder den Mount Everest besteigen noch Tausende Kilometer zurücklegen. So erfüllt sich Torbjørn Ekelund, der als Angestellter und Familienvater keine Zeit für eine große Expedition hat, dennoch den Traum vom Ausstieg in die Natur. Monat für Monat zieht er eine Nacht in den Wald: ob zum Abschalten nach der Arbeit, zum Fliegenfischen mit Freunden oder zur Entdeckungstour mit seinem kleinen Sohn. Auf seinen „Mikroabenteuern“ kann er Hektik und Zeitdruck hinter sich lassen und ein bisschen Stille genießen …

Rezension
Der Wald liegt im Trend, Bücher über ihn gibt es zahlreich. Erstaunlich, dass es immer noch Autoren gibt, die neue Ansätze finden, um uns Lust auf noch mehr Wald zu machen. Torbjørn Ekelund ist so ein begnadeter Autor.
Das Buch besticht schon durch seinen Einband. Es sieht aus und fühlt sich fast an wie die Rinde einer Birke – ein Gefühl, das einem kein E-Book sondern nur die Hardcover-Version vermitteln kann.

Wildnis und Einsamkeit vor der Haustür

Warum suchen wir das Abenteuer immer in der Ferne, wenn das Naturerlebnis vor der eigenen Haustür so aufregend sein kann? Der Autor nimmt uns mit auf seine Mikroexpeditionen. Er will „im Wald umherstreifen“. Nun haben die Wälder in Norwegen, der Heimat des Autors, ganz andere Dimensionen als die in unserem kleinen Deutschland. Aber hier geht es nicht um Ausmaße, sondern einzig um das Erlebnis. Die Mikroexpeditionen Ekelunds finden nur eine Autostunde entfernt von ihm statt.
Wir alle haben romantische Vorstellungen vom einsamen Leben in der Natur, die jedoch kaum der Wirklichkeit entsprechen. Der Autor holt sich das Abenteuer in seine Welt und lässt uns teilhaben an Kälte, Nässe und Dunkelheit. Seine Wirklichkeit ist nie geschönt, sondern ehrlich.
Ein Jahr im Wald, das heißt für Ekelund keine 365 Tage Einsamkeit und Wildnis am Stück, sondern lediglich 12 Nächte (jeweils einen Tag im Monat). Kann man hierüber ein ganzes Buch schreiben? Man kann! Und ein spannendes und interessantes noch dazu. Denn neben seinen zahlreichen Natur- und Tierbeobachtungen durch die Jahreszeiten, die Ekelund meist an demselben See verbringt, denkt er über andere Abenteurer nach, die es schon vor ihm in die Einsamkeit gezogen hat, und philosophiert, was sie dazu getrieben hat. Timothy Threadwell, der von einem Grizzly in Alaska getötet wurde, Chris McCandles, dem John Krakauer in seinem Bestseller „In die Wildnis“ ein Denkmal gesetzt hat, oder auch der große Henry Thoreau, der sich für zwei Jahre in die Einsamkeit von Maine zurückgezogen und darüber sein „Walden“ geschrieben hat. Was hat diese Menschen an der Wildnis fasziniert, sodass sie für ihr Abenteuer teilweise sogar mit dem Leben bezahlt haben? Der Autor versucht es, zu ergründen – für mich durchaus nachvollziehbar, da auch ich ein Jahr in der Wildnis von Minnesota gelebt habe.
In seinen Mikroexpeditionen sucht Ekelund speziell Stille und Einsamkeit, und wählt dennoch im April die Gesellschaft eines Fotografen und im August die seines kleinen Sohnes, wofür er die ganze „Expedition“ kindgerecht plant – um sich dann gleich am Anfang zu verlaufen. Dass Kinder den Aufenthalt in der Natur anders empfinden als Erwachsene, ist für den Vater eine wertvolle Erkenntnis. Die restlichen Monate zieht er es jedoch vor, allein zu sein.
Zwölf Monate und vier Jahreszeiten. Da der Autor immer wieder an dieselbe Stelle zurückkehrt, bemerkt er jede noch so kleine Veränderung und lässt den Leser den Wechsel der Jahreszeiten besonders intensiv miterleben. Das macht Mut, derartige Erlebnisse selbst nachzuvollziehen.
Es ist die Gabe Ekelunds, mit offenen Augen auch die Kleinigkeiten in der Natur zu bemerken und jede einfache Erfahrung in ein Abenteuer zu verwandeln.
Welche Erkenntnisse hat er nun nach zwölf Mikroexpeditionen gewonnen? Für ihn ist es die Summe aller kleinen Veränderungen in der Natur, die sich auf sie auswirken und sie plötzlich ganz anders erscheinen lassen. Diese Erkenntnis konnte er nur durch die regelmäßige Auszeit gewinnen.
Ekelund sieht sich in seiner Theorie bestätigt, dass es nur weniger Dinge bedarf, um sich wie ein Held in einem Märchen zu fühlen. Sein Fazit: „Manchmal musst du groß genug sein, um begreifen zu können, wie klein du bist.“
Im letzten Kapitel gibt der Autor als „Büromensch“ amüsante Ratschläge für die Wildnis.
Mein Rat: Lassen Sie sich inspirieren, selbst einmal eine Mikroexpedition zu unternehmen.

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