Rezension: Federnlesen

Vögel

Federnlesen
Vom Glück, Vögel zu beobachten
Johanna Romberg
Bastei Lübbe, 2018
304 Seiten
ISBN 978-3431040883
24,00 €

Hier können Sie das Buch bestellen

Inhalt
Die Sehnsucht nach blauen Federn, die Bewunderung für frostfeste Rotkehlchen, das sinnliche Vergnügen, aus einer Wolke von Zwitscherlauten einzelne Arten herauszuhören: Ein Jahr begleiten wir die preisgekrönte Journalistin und Hobby-Ornithologin Johanna Romberg dabei, wie sie die Welt unserer heimischen Vögel erkundet. Dabei vermittelt sie uns Wissenswertes über die Genies der Lüfte und bringt uns die Magie des Beobachtens näher. Wer das Buch liest, sieht die Welt plötzlich mit anderen Augen: Er erlebt den Moment der Freude, wenn man einen Vogel benennen kann, macht die Erfahrung, dass die eigenen Sinne mit jeder Beobachtung schärfer – und er selbst bewusster und glücklicher wird.

Rezension
Die Autorin bezeichnet sich selbst als Hobby-Ornithologin und weist auch in ihrem Vorwort darauf hin, dass dies weder ein wissenschaftliches Buch noch sie eine besonders systematische Beobachterin sei, sondern „nur“ Vogelbeobachterin. Gott sei Dank! Denn gerade das ist es, was „Federnlesen“ so wohltuend verständlich macht.

Johanna Romberg hat die Vögel, die sie im Buch beschreibt vor allem nach persönlichen Kriterien ausgewählt. Ihre Lieblingsvögel sind auch die, die den meisten nicht-Vogelkundlern von uns bekannt und vertraut sind. Ihnen widmet sie die größeren Kapitel des Buches. In den kürzeren Zwischenkapiteln „Zugeflogen“ berichtet sie über persönliche Episoden.

Ich beobachte Wölfe und keine Vögel. Dennoch gibt es Grundlegendes, das uns Natur- und Tierbeobachter einigt: Wir wissen, dass es Zeit und Übung braucht, um eine Tierart richtig beobachten zu können. Um zu lernen, WIE man beobachtet, muss man das Sehen immer wieder trainieren und die Tierart als Ganzes erfassen. Das bedeutet bei Vögeln neben dem Gesang, dem Aussehen, der Farbe, dem Flugbild auch den „Jizz“, das Bewegungsmuster. Beim Beobachten der Körpersprache schärft sich der Blick von ganz allein.

Die Autorin führt den Laien liebevoll an das Vögelbeobachten heran. Die Ausrüstung ist denkbar einfach: ein Fernglas und ein Bestimmungsbuch – für den Anfänger empfohlen: „Was fliegt denn da?

Soweit für den Anfang. Ernsthafte Beobachter sind eher high-tech unterwegs mit mit großen Spektiven auf Stativen, wie die Autorin in ihrem Kapitel über Helgoland sehr unterhaltend beschreibt.

Ein paar Tipps der Autorin: Vögel beobachten bedeutet in erster Linie Vögel hören. Wer Anfänger ist, sollte nicht versuchen, alle auf einmal zu hören und zu verstehen, sondern sich auf wenige Arten konzentrieren. Am besten fängt man vor der Haustür an und im Winter. Alles andere verwirrt nur. Trainieren kann der Anfänger am besten an Kohl- und Blaumeisen. Sie sind zahlreich, aktiv und leicht zu verfolgen. Dann übt man, sie detailliert zu beschreiben.

Nachdem ich das Buch fertig gelesen hatte, habe ich mir aufgeschrieben, wie viele Vögel ich kenne – zumindest die einfachsten Arten. Es ist tatsächlich einiges zusammengekommen. Viele Vögel in meinem Garten, die ich für selbstverständlich hielt, verstehe ich dank der Autorin nun besser: Das Gartenrotschwänzchen, das zwei Mal jährlich in meiner Gartenlaube brütet und seine Jungen aufzieht, während ich nur zwei Meter entfernt sitze und schreibe. (In Deutschland gibt es 1,2 Millionen von ihnen.) Der Buntspecht, der die tollsten Kunststücke macht, um die Meisenknödel zu zerkleinern. Die Amseln und Stare, die sich ums Futter streiten. Danke für die Beschreibung des Unterschiedes anhand des Jizz: „Amseln bewegen sich fast nur hüpfend vorwärts mit Schlusssprüngen, bei denen beide Beine gleichzeitig abheben und landen. Nach jeder Hüpfserie verharren sie einen Moment regungslos, den Kopf wachsam erhoben, während der Schwanz sich langsam hebt und wieder senkt. Stare dagegen sind fast ständig in Bewegung, hüfen nie sondern schreiten ein Bein vors andere gemächlich, aber stetig, den Blick meist zu Boden gerichtet. Sie halten nur inne, um mit dem Schnabel kurz nach einer Insektenlarve zu stochern …“ (S. 93) Solche bildlichen Beschreibungen machen – ebenso die Schilderung des Vogelgesangs – das Buch zu einem Lese- und Lernvergnügen.
Für die Beschreibung von Vogellauten gibt es übrigens ein weiteres Bestimmungsbuch, das die Autorin empfiehlt: „Singt der Vogel, ruft oder schlägt er?“ (Sicherlich auch ein gutes Handbuch für Autoren, die sich immer bemühen, geeignete Worte zu finden.)

In „Federnlesen“ werden wir viele vertraute fliegende Freunde finden und neue kennenlernen. Die Autorin beschreibt aber auch die Konflikte, denn selbstverständlich geht es bei einem Buch über Vögel auch um die Gefahren für sie. Und für die ist – wie so oft – der Mensch ursächlich. Es geht um die Landwirtschafts- und Naturschutzpolitik, um Energiewandel und um Windkraftanlagen, durch die viele Greifvögel besonders gefährdet sind.
Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Windkraftdebatte stellt sich die Frage nach der Persönlichkeiten individueller Tiere und danach, wie reagiert eine Population mit verschiedenen Persönlichkeiten auf gravierende Veränderungen in der Umgebung. Das Problem: Bussarde, Milan und Co lernen nicht so schnell wie beispielsweise Raben. Beim Erkennen von Hindernissen sind ihnen ihre Jagdgewohnheiten im Weg. Weil ihre Beute sich meist am Boden aufhält, schauen sie beim Fliegen in der Regel nach unten und nehmen nicht wahr, wenn ein Rotorblatt von oben auf sie herabrast. Das Fazit: „Wenn wir wollen, dass die Greifvögel uns erhalten bleiben, dann müssen WIR uns verändern und neue Strategien entwickeln und umsetzen. (S. 203)

Ein weiteres aktuelles und immer wieder diskutiertes Thema im Buch: Sollen wir unsere Gartenvögel ganzjährig füttern? Die Autorin beantwortet die Frage ganz klar mit einem Ja und erklärt auch, warum. Hierzu auch eine Buchempfehlung der Autorin: „Vögel füttern, aber richtig.“ ommt um dieses ausgezeichnet Buch nicht herum.

Erwähnen möchte ich noch die besonders schönen farbigen Illustrationen von Florian Frick, sowie das umfangreiche Literaturverzeichnis im Anhang für alle, die tiefer in die Vogelbeobachtung einsteigen möchten.

Das Glück des Zuhörens und die Freude des Beobachtens, das ist es, was Johanna Romberg beim Lesen wecken möchte. Bei mir ist ihr das gelungen.