Rezension: Die seltensten Bienen der Welt

Die seletnsten Bienen der WeltDie seltensten Bienen der Welt
Ein Reisebericht
Dave Goulson
Carl Hanser Verlag, 2017
304 Seiten
ISBN 978-3446255036
22,00 €

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Inhalt
Wenn wir Bienen und Hummeln retten wollen, müssen wir uns auf die Suche nach ihren seltensten Arten begeben. Um zu verstehen, warum sie verschwinden, aber auch, um diese faszinierenden Geschöpfe in Erinnerung zu behalten. Der Biologe Dave Goulson hat sich an ihre pollenbestäubten Fersen geheftet. Egal, ob er den Kampf der Goldenen Patagonischen Hummel gegen invasive Arten beschreibt oder auf den Äußeren Hebriden die letzten Deichhummeln Großbritanniens aufspürt: Immer ist seine Leidenschaft für die Wildbestäuber ansteckend. Und seine Tipps, wie wir in unserer unmittelbaren Umwelt Bienen vor dem Sterben bewahren, machen unbändige Lust darauf, den heimischen Balkon mit Beinwell zu bepflanzen.

Rezension
Dieses Buch ist – trotz seines Titels – kein reines Fachbuch über Bienen und Hummeln, sondern auch ein faszinierender Reisebericht zu den Insekten dieser Welt. Der Autor nimmt uns bei seiner Suche mit nach Großbritannien, Polen, Patagonien und Ecuador. Der Biologe und Gründer des Bumblebee Conservation Trust, einer Schutzorganisation für Bienen, ist nicht nur ein Bienenspezialist, er ist außerdem ein begnadeter Schriftsteller und ein Philosoph. Ich habe in den letzten Wochen einige Bienenbücher gelesen und auch hier auf diesem Blog besprochen. Jedes war auf seine Art einzigartig. In dem Buch von Dave Goulson ist es die Mischung aus Wissenschaft, Humor und interessanten Fakten, die mich gefesselt hat.

Bienen sind „In“. Jeder der sich mit den kleinen, brummenden Fliegern beschäftigt, kommt nicht umhin, sie zu bewundern. Sie erbringen erstaunliche Höchstleistungen und passen sich an jedes sich verändernde Umfeld an. Der Autor liebt Bienen mit einer Leidenschaft, die sich auch auf den Leser überträgt.

Manchmal, besonders am Anfang des Buches wenn der Text sehr fachlich wurde, war es für mich schwierig, dran zu bleiben. Aber dennoch konnte ich es nicht aus der Hand legen. Das Buch hatte mich schon in seinen Bann gezogen.

Am spannendsten – ich gestehe – waren für mich größtenteils die Fußnoten mit ihren vielen großartigen Zusatzinformationen, die teilweise äußerst komisch waren. Wer also keine Zeit (oder Lust) hat, das ganze Buch zu lesen, dem empfehle ich, sich von Fußnote zu Fußnote zu hangeln. Sie werden einen Riesenspaß dabei haben. Warum man derartig unterhaltende Geschichten und Anekdoten in Fußnoten „versteckt“, verstehe ich nicht ganz. Auch wenn sie vielleicht nicht unbedingt etwas mit Bienen direkt zu tun haben, werten sie doch den Text ungemein auf.

Ein paar Beispiele: In einer Fußnote (Seite 288) deckt der Autor Skandale auf, wie die verschwendeten europäischen Agrarsubventionen. In einer anderen Fußnote (S. 194) beschreibt er den Selbstversuch des Entomologen Justin O. Schmidt, der sich absichtlich von 78 Insektenarten stechen ließ, um den dadurch hervorgerufenen Schmerz beschreiben und ranken zu können. Man kommt nicht umhin, den Schmerz selbst zu fühlen. Für den Versuch hat dieser Forscher übrigens 2015 den satirischen Ig-Nobelpreis gewonnen. Wenn Sie wissen wollen, welcher Stich am schmerzhaftesten ist, schauen Sie hier nach.

Eine Fußnoten-Anekdote muss ich hier noch zitieren, weil sie einfach zu schön ist (S. 197). Für den Autor sind Brillenbären die zahmsten Bären überhaupt. Es gibt nur einen Fall, in dem ein Brillenbär einen Menschen getötet hat. „Das Opfer war ein Jäger, der soeben einen auf einem Baum sitzenden Bär erschossen hatte. Im Sterben stürzte der Bär auf den Jäger und erschlug ihn. Gelegentlich folgt die Gerechtigkeit im Leben (und im Tod) eben auf dem Fuß.“

Sie sehen – ein Bienenbuch (in dem es nicht nur um Bienen geht) kann also durchaus sehr amüsant sein, auch für jemanden, der nicht ein derart leidenschaftlicher Entomologe ist wie der Autor. Dies ist kein trockener Biologieunterricht, sondern eine gelungene Mischung aus Tier- und Landschaftsbeschreibung und Reiseführer. So beschreibt Goulson beispielsweise so faszinierend und detailliert die Landschaft und die Tiere der schottischen Hebriden, dass man gleich seinen Koffer packen und hinfahren möchte.

Glücklicherweise schreckt Goulson auch vor Selbstironie nicht zurück, wenn er schildert, wie er als ungeduldiger Professor im Eilschritt durch die Flure und die Treppen seines Institutes hinauf rennt und dabei manchmal dummerweise von seinen gemütlich dahin schlendernden Studenten ausgebremst wird. Zitat: „Das Leben ist zu kurz für so ein Getrödel.“

Es gibt nur einen Satz im Buch, mit dem ich Probleme hatte. Nachdem Goulson zuvor noch die Schönheit der Hummel gepriesen hat, schreibt er „Um meine wachsende Datenbank zu füttern, entnahmen wir Genproben. Dafür schneiden wir der Hummel das unterste Segment von einem ihrer Beine ab – das klingt ein bisschen brutal, aber die armen Hummeln scheint das nicht zu stören.“ Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Satz (insbesondere der Nebensatz) ernst gemeint oder dem typisch britischen Humors geschuldet ist. Tierversuche sind leider in der Wissenschaft oft noch üblich. Ich kann dieses Handeln nur mit dem Wissensdurst eines Forschers erklären – jedoch bei Weitem nicht entschuldigen.

Dass der Autor sich tiefe Gedanken um den Zustand der Welt und des Ökosystems macht, zeigt sich besonders im Epilog „Bienen im Hinterhof“. Dieses Kapitel ist ein leidenschaftlicher Apell für die Rettung unserer Welt.

Der Schreibstil von Dave Goulson macht das Lesen des Buches zu einer wahren Freude. Die bescheidene und humorvolle Art des Autors lernt man im Laufe der Lektüre immer mehr zu schätzen und zu lieben. Ich freue mich schon auf sein nächstes Buch.

Allerdings würde ich mir dann wünschen, Fotos oder Skizzen der beschriebenen Insekten zu sehen. Zwar sind die Beschreibungen des Autors sehr präzise und bildlich, dennoch hätte das Buch meiner Meinung nach durch Bilder noch einmal deutlich gewonnen.