Rezension: Die Intelligenz der Tiere

Die Intelligenz der TiereDie Intelligenz der Tiere
Wie Tiere fühlen und denken
Carl Safina
C.H.Beck, 2017
526 Seiten
ISBN 978-3406707902
26,95 €

Inhalt
Was geht im Inneren von Tieren vor? Können wir wissen, wie sie fühlen und denken? Carl Safina nimmt uns mit auf abenteuerliche Entdeckungsreisen in die unbekannte Welt der Elefanten, Wölfe und Orcas. Sein spannend zu lesendes Buch erzählt außergewöhnliche Geschichten von Freude, Trauer, Eifersucht, Angst und Liebe und ist voll von erstaunlichen Einsichten in die Persönlichkeiten der Tiere.

Rezension
Carl Safina nimmt uns mit auf eine Reise in die Gefühlswelt und Intelligenz von drei großen, charismatischen Tierarten, die sich durch ihr besonders Sozialverhalten und ihre Lebensgemeinschaften auszeichnen.

  • Das Trompeten der Elefanten (Elefanten)
  • Das Heulen der Wölfe (Wölfe und Kaniden)
  • Jaulen und Ärgernisse (Philosophie, Forschung, Verhalten)
  • Der Gesang der Wale (Orcas und Delfine)

Der Biologe und Naturforscher Carl Safina hat zahlreiche Preise und Auszeichnungen erhalten. Der Wissenschaftler mit dem Herzen eines Dichters betrachtet Tiere als seinesgleichen. Er beschreibt die komplexen emotionalen und intellektuellen Leben von Tieren. Wir sind als Leser gefordert, die Tiere als Individuen zu sehen mit ihren ganz individuellen Persönlichkeiten.

Eigentlich wollte ich mich bei dieser Rezension überwiegend auf Kapitel II (Wölfe) konzentrieren, dann hat mich jedoch das dritte Kapitel so gefesselt, dass ich damit meine Rezension beginne. In „Jaulen und Ärgernisse“ beschäftigt sich Safina mit der Forschung zum Verhalten von Tieren. Dabei erzählt er weniger dazu, was wir sind, sondern wie wenig wir doch wissen. Beispiel: „Ein Elefant ist ein Elefant und hat die Intelligenz eines Elefanten, nicht menschliche Intelligenz.“ Denn die meisten wissenschaftlichen Tests zur Intelligenz der Tiere basieren auf menschlicher Intelligenz, was zu einem voreingenommenen Ergebnis führen muss, wie der Spiegeltest, mit dem bei Menschen das Selbstbewusstsein geprüft wird. Ein Mensch mit Selbstbewusstsein sollte demnach in der Lage sein, einen Punkt, der ihm im Schlaf auf sein Gesicht gemalt worden ist, im Spiegelbild zu erkennen und ihn mit dem Finger im Gesicht zu lokalisieren. Bei Hunden funktioniert das nicht, weil für Hunde der Geruchssinn wichtiger ist als die Sicht, und weil es einem Hund ziemlich egal ist, wie er in einem Spiegel erscheint.

Safina bemerkt zu solchen Versuchen ironisch: „Manches ist nicht wissenschaftlich genug. Man muss aufwändige Versuchsreihen initiieren, um zu einem einfachen Ergebnis zu kommen.“

Auf sehr amüsante und zutreffende Art kritisiert er den Hype, der um wissenschaftliche Forschung gemacht wird (oder den die Wissenschaftler um ihre Forschung machen) und zeigt die Absurdität mancher Versuche mit Tieren auf.

Immer wieder ertappe ich mich beim Lesen, dass ich bekräftigend nicke: recht hat er. Beispielsweise hier (S. 328): „Wir sind zu umfangreichem Mitgefühl fähig, aber wir leben unser Potenzial nicht aus. Warum wirkt der Gedanke, dass andere Tiere denken und fühlen könne, so bedrohlich für das menschliche Ego? Weil es schwieriger ist, andere zu misshandeln, wenn man ihnen ein Bewusstsein zugesteht? Wir sind unvollständig und fühlen uns schnell angegriffen. Vielleicht gehört Unvollständigkeit zum ‚Menschsein‘.“

Es ist unbestritten, dass Tiere Gefühle haben. Wir Hundehalter sehen es unseren Lieblingen an, wenn sie traurig oder glücklich sind. Safinas Beispiele von emotionalem und intelligentem Verhalten von Tieren gehen weit darüber hinaus.

Kommen wir zum wölfischen Teil, zu Kapitel Nr. II. Ein großer Teil handelt von den Yellowstone-Wölfen. Als langjährige Mitarbeiterin im Yellowstone-Wolfsprojekt war ich bei vielen der geschilderten Szenen live dabei. Das altruistische Verhalten eines verletzten Jungwolfes, den Druid-Leitwolf, der mit seinen Welpen spielt, die charismatische Leitwölfin 06, sie alle habe ich gesehen – oft gemeinsam mit Safina und anderen Langzeitwolfsbeobachtern im Lamar Valley. Der Autor ist ein ausgezeichneter Beobachter nicht nur der Tiere, sondern er charakterisiert auch die Menschen, die mit den Wölfen arbeiten ganz vortrefflich. Als ich das Buch las, verglich ich es mit meinen Tagebuchaufzeichnungen und fühlte mich wieder zurückversetzt nach Yellowstone.
Für alle Wolfsfans ist darum Teil II ein absolutes MUSS.

Aber auch die anderen Kapitel sind grandios und unbedingt lesenswert. Wir erleben zahlreiche Aha-Momente. Mit seinen detaillierten Beobachtungen drängt sich der Autor niemals auf, weder den Tieren, die er respektiert, noch dem Leser, den er überzeugen will. Seine Empathie für alle Lebewesen macht nicht Halt vor dem Mensch – wenngleich das manchmal berechtigt wäre – vielmehr versucht er zu verstehen, warum manche Menschen Tiere töten wollen.

Ich gebe zu, dies ist kein Buch, das man mal eben so nebenbei liest. Der intellektuelle Stil und viele der wissenschaftlichen Beschreibungen erfordern, dass man sich der Lektüre ganz hingibt. Aber es lohnt sich! Bleiben Sie dran. Tauchen Sie ein in die geheime Welt der Tiere. Lassen sie sich berühren von ihrem Familienleben, ihrer Intelligenz und ihren Emotionen.

„Die Intelligenz der Tiere“ sollte Pflichtlektüre für jedes menschliche Wesen sein. Wenn wir lesen, wie liebevoll hoch soziale Tiere miteinander umgehen, dann bleibt uns nur die Frage, ob sie nicht die besseren Menschen sind.