Rezension: Der Ruf der Stille

Christopher Knight

Der Ruf der Stille
Die Geschichte eines Mannes, der 27 Jahre in den Wäldern verschwand
Michael Finkel
Goldmann Verlag, 2017
256 Seiten
ISBN 978-3442314683
18,00 €

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Inhalt
Im Sommer 1986 begibt sich Christopher Knight auf einen Roadtrip von Massachusetts nach Maine und verschwindet in den Wäldern. 27 Jahre lang bleibt er dort, abgeschieden von der Welt, ohne menschlichen Kontakt, bis er wegen Diebstahls gefasst wird: Er hatte Essen geklaut. In einem einfachen Zelt überlebte Knight die härtesten Winter, weil er klug wie ein Eichhörnchen Vorräte gebunkert und alles darauf ausgerichtet hatte, nicht zu erfrieren. In den nahegelegenen Ferienhäusern versorgte er sich mit Lebensmitteln, Kleidung und Büchern und verstörte als unheimliches Phantom die Bewohner von North Pond. Der Journalist Michael Finkel hat das außergewöhnliche Leben des Chris Knight dokumentiert. Entstanden ist eine fesselnde Story, die den fundamentalen Fragen über ein gutes Leben nachgeht und das tief bewegende Porträt eines Mannes hinterlässt, der sich seinen Traum erfüllte: ein Leben in absoluter Stille.

Rezension
Ich bin ein großer Fan von Aussteiger-Romanen. Schon immer hat es mich interessiert, was Menschen dazu bringt, ihr sicheres soziales Netz zu verlassen und in die Wildnis zu gehen. Ich habe es sogar selbst ausprobiert und fast ein Jahr in einer Blockhütte im Norden von Minnesota gelebt. Ich kenne die Faszination von Stille und Natur.

Aber ganze 27 Jahre niemanden sehen, mit niemandem sprechen? Wie ist das möglich und warum macht jemand sowas?
Der Autor ist der Spur eines solchen Mannes gefolgt und hat ein fesselndes Buch darüber geschrieben. Die wahre Geschichte von Christopher Knight, feinfühlig erzählt von Michael Finkel.
Dieses Buch hat mich hin und her gerissen zwischen Sehnsucht und Zweifeln. Immer wieder habe ich versucht, Stellung zu nehmen, aber es gelang mir nicht.
Ein junger Mann von 20 Jahren, hoch intelligent aus solidem Elternhaus, lässt sein Auto stehen und verschwindet im Wald. 27 Jahre später wird er bei einem Einbruch festgenommen. Er erzählt seine Geschichte einem einzigen Mann, Michael Finkel, der sich als einst gefeierter (und später über eine Lügengeschichte gestürzter) Starreporter der New York Times offensichtlich darauf versteht, einen großen Schweiger wie Knight zum Reden zu bringen. Im Grunde drängt er sich ihm auf. Vermutlich aber bekommt er Zugang zum Eremiten, weil er sich selbst in ihm sieht.
Die Art und Weise, wie der Autor sich Knight nähert, erinnert mich ein wenig an die Beobachtung von Wildtieren. Wenn wir wilde Tiere beobachten, projizieren wir unsere Wunschgedanken in sie hinein. Wir möchten, dass sie all das sind, was wir von ihnen glauben, zu sein. Aber tatsächlich können wir sie nicht fragen, wer sie sind. Sie sprechen nicht mit uns.
Knight spricht mit dem Autor, wenn auch nur widerwillig, weil er sich dessen penetranter Recherche nicht entziehen kann. Daraus ist ein ungewöhnliches Portrait entstanden, von einem Menschen, der so widersprüchlich ist wie sein Dasein.
Mit großer Faszination habe ich mehrmals Jon Krakauers „In die Wildnis“ gelesen. Aber im Gegensatz zu Chris McCandless ist Christopher Knight weder den Asketen-Tod gestorben, noch hat er ein Manifest hinterlassen wie der Unabomber und schon gar nicht hat er einen neuen „Walden“ geschrieben wie Henry David Thoreau.
Was habe ich, und was hat der Autor erwartet? Große Erkenntnisse im Stil der vielen Eremiten, die sich in die Wälder zurückgezogen haben? Die gibt es nicht bei Knight. Er ist kein „Held der Einsamkeit“. Erfahren wir mehr sein wahres Inneres, seine Beweggründe? Nein.
Wir lernen viel über die Logistik eines solchen jahrzehntelangen Ausstiegs. Wie ist es ihm gelungen, sich sauber, satt und warm zu halten? Was hat er mit dem Müll gemacht?
Aber auch ein paar persönliche Dinge erfahren wir, zum Beispiel, dass Knights Lieblingsbuch William Shirers „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“ war, dass er sich im (gestohlenen) Radio die Talks Show des ultra-rechten Rush Limbaugh anhörte und sich selbst als „konservativ aber nicht republikanisch“ bezeichnete. Thoreau war ihm zu sanft, Ralph Waldo Emerson hingegen akzeptabel.

Aber wie war er wirklich? Und warum entschied sich dieser junge Mann dazu, von der Erde zu verschwinden? Das habe ich mich von der ersten Zeile an gefragt. Aber eine Erklärung habe ich im Buch nicht gefunden.
War er verrückt? Das wies Knight stets weit von sich. Er hielt sich für „einen der letzten zurechnungsfähigen Menschen, die es noch gab“. Der Autor schreibt:
„Es verblüffte ihn, dass man es völlig akzeptabel findet, um Austausch gegen Geld einen Großteil des Lebens in Großraumbüros zu hocken und auf Computerbildschirme zu starren, während man ein entspanntes Leben im Wald für gestört hält.“ (S. 157)
Psychiater, die ihn nach seiner Verhaftung untersuchten, diagnostizierten ihn als „voll zurechnungsfähig“, vermuteten aber als mögliche Diagnose das Asperger-Syndrom, Depressionen oder eine schizoide Persönlichkeit.
Die ganzen Spekulationen zu Knights Geisteszustand haben mich beim Lesen wütend gemacht. Warum müssen wir jemanden, der „anders“ ist, in Schubladen stecken? Warum können wir ihn nicht einfach sein lassen? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es Menschen gibt, die einfach eine brennende Sehnsucht nach Stille und Alleinsein haben, ohne dies erklären zu können.
Am Ende gibt es keine Antwort auf das große Warum. Nur Ahnungen. Knight war nicht glücklich mit Menschen und glaubte, er könne seinen Frieden in den Wäldern finden. Er wusste nicht, wie lange er bleiben wollte, aber ganz offensichtlich hat er gefunden, was er gesucht hat.
Als der Autor Knight nach der großen Erkenntnis fragt, die er nach 27 Jahren Einsamkeit gewonnen hat, gib dieser eine überraschende Antwort …

Das Buch fesselt, ohne Zweifel, aber es wirft einige Fragen und Ungereimtheiten auf: Als Knight gefangen genommen und nach seinem Alter gefragt wurde, sagte er, er wisse es nicht, nur dass er an dem Tag in den Wald ging, als der Unfall in Tschernobyl geschah. Aber sein Camp war voll von gestohlenen Zeitungen, Uhren, Radios und sogar einem kleinen batteriebetriebenen Fernseher. Die Erklärung hierfür würde mich interessieren. Aber diese Frage stellt der Autor nicht. Dennoch glaube ich nicht, dass Knight absichtlich gelogen hat, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Das würde nicht zu seinem Wunsch nach Einsamkeit passen.

Die Geschichte wäre perfekt gewesen, wenn Knight tatsächlich autark gelebt hätte. Aber schauen wir uns einmal seine „dunkle“ Seite an: Sein Lager bestand vollständig aus gestohlenen Dingen, viele davon aus einem Sommercamp für behinderte Kinder. 27 Jahre lang fuhren die Menschen, die am North Pond ihre Sommerhäuser hatten, mit einem bangen Gefühl in Urlaub. War wieder jemand in ihr Haus eingebrochen? Meist fehlten nur kleine Dinge, Essen, Batterien, Bücher. Knight achtete darauf bei seinen Einbrüchen nichts zu zerstören. Er hatte noch nicht einmal eine Waffe besessen. Was soll’s, ist man geneigt, zu fragen.
Aber die Bewohner der Häuser, in die er über 1000 Mal eingebrochen ist, waren verunsichert und hatte Angst – jahrelang. Knight hat ihnen das Gefühl von Sicherheit und Frieden genommen, etwas, das unbezahlbar ist. Jeder, der schon einmal einen Einbruch erlebt hat, weiß, wie sich das anfühlt. Die Bewohner wussten, dass jemand dort draußen im Wald ist und sie beobachtet.
Für seine Straftaten kam Knight ins Gefängnis. Nach sieben Monaten wurde er auf Bewährung entlassen. Im letzten Teil des Buches beschreibt der Autor, wie er ihn noch einmal besucht. Den Leser wundert es nicht, dass der Eremit in Freiheit nicht mehr glücklich ist. Er vermisst den Wald.

Bei aller Unterhaltung wirft das Buch auch Fragen auf über die Rolle der Einsamkeit und die Dimensionen menschlicher Bedürfnisse. Sehr interessant sind darum auch die Kapitel, in denen der Autor andere Einsiedler und Eremiten und ihre Motivationen und Erkenntnisse beschreibt.
Ich glaube, dass es in unserer heutigen Zeit immer mehr Menschen gibt, die das Gefühl haben, nicht mehr „dazu zu gehören“. Die Frage ist, wie gehen wir damit um? Und wie gehen wir mit Menschen um, die die Isolation suchen? Sperren wir sie ein? In anderen Kulturen gab es spezielle Orte für sie, wo sie sich zurückziehen konnten und von Anderen mit dem Nötigsten versorgt wurden. Aber unsere Gesellschaft hat keinen Platz mehr für die, die sich nicht anpassen können oder wollen.
In „Der Ruf der Stille“ erfahren wir, was es bedeutet, mit sich selbst allein zu sein. Am Ende bleibt für manchen Leser die Sehnsucht, es Knight nachzutun. Viele von uns haben das Gefühl, dass etwas in unserem Leben fehlt, und wir fragen uns, ob es Knight vielleicht ebenso ging. Aber im Leben geht es nicht darum, endlos das zu suchen, was fehlt, sondern es geht darum zu lernen, mit den fehlenden Teilen zu leben.

Eine gute Idee sind die Skizzen der Plan des Lagers im Buchumschlag. So kann man immer wieder einmal nachschlagen.
Interessant auch die vom Autor für weitere Informationen zu Eremiten vorgeschlagene Webseite: Hermitary

Mein Fazit: „Der Ruf der Stille“ ist ein großartiges und spannendes Buch besonders für die Träumer unter uns. Wer „In die Wildnis“ mag, wird „Ruf der Stille“ lieben.

Ein Video über das Leben des Eremiten finden Sie hier: