Rezension: Der Geruch des Todes

Geruch

Der Geruch des Todes
Einsätze eines Leichenspürhundes
Cat Warren
Kynos, 2017
344 Seiten
ISBN 978-3954641499
24,95 €

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Inhalt
Für die Polizei ist es ein Vermissten-oder Kriminalfall. Für die Angehörigen ist es eine Tragödie. Für den Hundeführer ist es harte Konzentrationsarbeit. Für den Leichenspürhund ist es ein spannendes Spiel.
Cat Warren, Professorin für Journalistik und Literaturwissenschaft, sucht zunächst eigentlich nur nach Möglichkeiten, ihren nicht ganz einfachen Deutschen Schäferhund Solo vernünftig auszulasten. Dabei stößt sie auf die Sucharbeit nach Toten und taucht ein in die faszinierende Welt der Wissenschaft rund um den Geruch, Geruchszersetzung, Forensik und die Leistung der Hundenase.
Die unbekümmerte und zielstrebige Begeisterung, mit der ihr Hund sich auf die Suche nach dem Geruch des Todes macht, lässt sie auch ganz neue Perspektiven auf das Leben und seine Vergänglichkeit erleben …

Rezension
Ich habe mir mit dem Lesen des Buches Zeit gelassen, weil ich ahnte, dass es etwas besonders ist. Ich bin Krimi Fan, lese gerne Krimis und schaue mit Leidenschaft amerikanische und skandinavische Krimiserien. Besonders faszinieren mich die technischen Möglichkeiten der Kriminallabors – nicht dass ich davon ausgehen würde, dass für jeden kleinen Einbruch bei uns in Deutschland ein CSI-Team anrücken würde. Aber es fasziniert mich, was alles möglich ist oder wäre.
Dann las ich „Der Geruch des Todes“ und erfuhr, was in der Realität möglich ist.

Arbeitshunde und ihre Menschen sind eine besondere Spezies. Sie leben in einer Welt von absoluter Leidenschaft und Hingabe und außergewöhnlichem hartem Training.
Einige Bücher, die sich mit den grandiosen „Nasenhunden“ beschäftigen, habe ich bereits hier  besprochen. „Der Geruch des Todes“ geht einen Schritt weiter. Es ist eine faszinierende Reise in den Geruch, den Tod, die Forensik und die erstaunlichen Dinge, die Hunde mit ihren Nasen machen können: Sie erkennen Gräber, Trüffel, Bettwanzen oder Krebs und vieles mehr.

Aber es ist auch die Geschichte einer Frau, die den durchgeknallten Schäferhundwelpen Solo, der ohne Wurfgeschwister aufwuchs („Er ist ein Idiot“ sagte ein Trainer) in einen liebenden Begleiter und einen Gewinn für die Gesellschaft verwandelt, während sie selbst bei der gemeinsamen Suche nach dem Tod über die Schönheit des Lebens stolpert.
Alles, was Solo brauchte, war einen Job. Die Suche danach führt Warren zu den Leichenspürhunden. Die Geschichten, die Cat und Solo erleben, nehmen uns mit auf eine Achterbahn der Gefühle. Ihre Erlebnisse lesen sich manchmal wie ein Krimi.

Die Arbeit von Leichenspürhunden mag für manche gespenstig oder grauenhaft erscheinen, aber sie wichtig, denn die Tiere und ihre Führer klären Geheimnisse auf, lindern Trauer und sorgen letztlich für Gerechtigkeit. Darüber denkt natürlich ein Hund wie Solo nicht nach. Er fokussiert sich auf seine Aufgabe und folgt dem Geruch des Todes. Die Autorin beschreibt die Entwicklung der Beziehung Mensch-Hund wunderschön, beispielsweise den Moment, in dem sie erkennt, dass sie sich bei der Spurensuche auf ihren Hund einlassen und ihm vertrauen muss, wenn er sich dickköpfig weigert, weiterzugehen nach dem Motto: „Idiot. Hier ist es doch!“ Dieses Zueinanderfinden und Mit- und Voneinander Lernen ist sehr berührend.
Solo macht all dies aus purer Freude am Suchen und der Begeisterung, sein Spielzeug zu gewinnen. Der Leser begreift, wie wichtig es ist, einen intelligenten, starken, einfallsreichen Hund mental und körperlich zu beschäftigen.

Die Fähigkeiten dieser Spürhunde sind wahrlich bemerkenswert. Das Buch zeigt, dass selbst die beste Technik unsere vierbeinigen Helfer nicht ersetzen kann. Wenn Sie sich jemals gewundert haben, zu was Hunde tatsächlich fähig sind, dann ist das ein Buch für Sie. Es ist ein Buch über den anstrengenden und lohnenswerten Prozess, einen Arbeitshund zu trainieren, um am Ende zu erkennen, dass es in Wirklichkeit um Bindung geht. Immer wieder hebt die Autorin die tiefe Partnerschaft hervor, die sich zwischen Menschen und ihren Hunden während des intensiven positiven Trainings und in realen Situationen entwickelt.

Aber die Autorin berichtet nicht nur über ihre Erfahrungen, sie erklärt auch das Training und die Wissenschaft. Sie erklärt, was andere Trainer, ein Tierpsychologe, ein forensischer Anthropologe, Züchter und Geruchsforscher tun. Bei der Recherche hat sie sehr viele Trainer von Arbeitshunden interviewt. Sie berichtet über Leichenspürhunde, die tote Soldaten in Kriegsgebieten finden, welche Schwierigkeiten es macht, über Wasser zu suchen statt an Land und über die Spannung von archäologische Suchungen.
All dies tut sie in einem leicht zu lesenden, unterhaltenden Stil. Ein faszinierendes Buch über Hundefreunde und die, die wissen wollen, wie Hunde uns jeden Tag helfen können.

„Der Geruch des Todes“ ist aber auch eine Art Meditation über menschliche Sterblichkeit und Bewusstsein des Selbst. Cat Warren erweitert unsere Vorstellung, wie wir sterben können. Es gibt so viele Wege zu sterben. Und es gibt noch zahlreiche andere Möglichkeiten, von dieser Erde zu verschwinden. Warren schreibt: „Wir hören auf, zu existieren aber wir hängen trotzdem ziemlich dickköpfig weiter hier herum.“
Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch zu wissen, dass die Autorin während des Trainings von Solo ihren geliebten Vater durch Krebs verloren hat. Der Hund bringt Warren die Sonnenseite des Todes näher. Für Solo ist der Tod ein Zerrspielzeug. Für die Autorin ist der Hund ein Mittelsmann zwischen ihr und dem Tod.

Hier ein paar Erkenntnisse, die ich aus dem Buch gewonnen habe in Kurzform:

  • Wir wissen immer noch viel zu wenig über die olfaktorischen Fähigkeiten unserer Hunde.
  • Die Psychologie von Einzelwelpen war mir bisher völlig unbekannt. Es sind Welpen, die keine Geschwister haben und die ersten acht Wochen alleine verbringen. Mir war nicht bewusst, wie wichtig Wurfgeschwister für Welpen sind. Die Mehrzahl derer, die ohne Geschwister aufwachsen, lernen die Nuancen der Hundesprache gar nicht kennen. Ein Einzelwelpe lebt in einer Welt, in der es kaum Grenzen gibt, unfähig, mit Frustrationen umzugehen. Er entwickelt Berührungsängste statt Beißhemmung und ist unfähig, soziale Situationen ruhig und elegant zu lösen.
  • Man kann fast jedes Tier trainieren, ja sogar Bienenstöcke, die Bomben suchen und finden sollen (Studie von 2011, S. 63).
  • In Kapitel 3 „Nasenwissen“ räumt die Autorin mit den „Ammenmärchen rund um die Hundenase“ auf. Sie stellt fest: „Wir wissen nicht sonderlich viel über die olfaktorischen Fähigkeiten unserer Vierbeiner“ (S. 43) und hinterfragt kritisch die Behauptungen mancher Fachleute: Wie viel besser ist die Nase eines Hundes als unsere? 10 x, 100 x, 10.000 x? Bären haben beispielsweise einen feineren Geruchssinn als Hunde (S.55). Warum hören wir niemals davon etwas?
  • Eines der für mich interessantesten Kapitel „Die Chemie des Todes“ wirft auch ethische und religiöse Fragen zum Tod auf. Wir erfahren genau, was passiert, wenn ein Mensch stirbt. Einiges davon könnte bei einer Diskussion zur Argumentation gegen die Organspende hilfreich sein. Faszinierend auch, dass in dem Moment, in dem das Herz zu schlagen aufhört, „etwas unglaublich Leichtes den Körper verlässt und sich gleich darauf in der Umgebung verliert“. In den „Anmerkungen“ am Ende des Buches findet man dazu eine sehr kritische Betrachtung zu Ausstellungen wie „Körperwelten“.
  • Die Autorin klärt auf über Missverständnisse wie dem „Diensthundebiss“ (S. 134) oder dem „Diensthund als Waffe“.
  • Warren erzählt die Geschichte der Arbeitshunde und hat gleichzeitig wenig Verständnis für alle, die übertreiben und angeben, um mit den Hunden ihre eigene Karriere vorwärts zu treiben. Meine Hochachtung dafür!
  • Ganz nebenbei gibt Warren praktische Tipps, z.B. wie man sich bei einer Entführung verhalten soll: Wehr dich. „Wenn sie dich woanders hinbringen, tun sie dir doppelt so weh. Also beiß, kratz, tritt und sammele so viel von seiner DNA, wie du nur kannst.“

Zurück zum Buch und zur Autorin: Ihre Sprachgewalt fasziniert mich. Beispielsweise bei der Beschreibung eines Bloodhound: „Trotz aller Mythen habe ich mich in den Bloodhound verliebt. Nicht nur in seine Nase, sondern auch in den Sabber, der in großen Flocken von den Lefzen tropft, das simultane Echo der beim Schütteln gegen den Kopf klatschenden Wangen, die kirschroten Hängelieder – der Preis für die prächtigen, schweren Hautfalten unter den Augen -, seinen öligen Zwingergeruch und die Art, wie er glasäugig durch einen hindurchstarrt. Und wie er zur Belohnung am Ende der Fährte voller Entzücken Wienerwurstscheibchen einatmet wie ein großer, nasser Staubsauger.“ (S. 56)

Hoch emotional wird es für den Leser gegen Ende des Buches. Es geht um das Alter, um Abschiede und um Neuanfänge.

Nach dieser Lektüre weiß ich, dass Leichenspürhunde mehr sind als „nur“ Vierbeiner. Ihr Talent hilft uns mehr als wir uns vorstellen können. Sie verdienen unseren ganzen Respekt.

Dies ist eines der seltenen Bücher, die einem mitnehmen in die Arbeit einer Autorin. Wie und warum hat sie das Buch geschrieben? Wie ist ihre Entwicklung und die der Hunde? Wir lernen Warrens Familie und ihre Heimat kennen und begleiteten sie durch ihr Leben. Dadurch wird sie ihren Lesern besonders nah.

Besonders erwähnenswert ist der umfangreiche Anhang mit Anmerkungen und Quellen. Noch nie habe ich in einem Buch so ausführliche Bemerkungen gesehen wie in diesem. Die zahlreichen weiteren Buchtipps zeigen, wie wichtig es der Autorin ist, dass der Leser möglichst viele weitergehende Informationen aus ihrem Buch erhält.

Auch die Danksagung ist umfangreich. „Das Buch handelt von Menschen und Hunden, darunter Hundemenschen und auch Menschen, die wenig mit Hunden zu tun haben.“ Am Ende der Danksagung verspricht Warren ihrem Mann David, nicht so bald wieder ein solches Projekt zu beginnen. Da kann ich nur sagen: Schade!

„Der Geruch des Todes“ ist die Geschichte einer tiefen Beziehung zwischen einem hart arbeitendem Leichenspürhund und seiner menschlichen Partnerin. Sie führt uns in eine unbekannte Welt und lässt uns die Entschlossenheit und Liebenswürdigkeit dieser Tiere erkennen. Eine wunderbare und sehr weise Geschichte und eines der besten Bücher über Gebrauchshunde, die ich bisher gelesen habe. Absolut empfehlenswert!

Ich empfehle auch unbedingt, sich die Webseite der Autorin anzusehen mit Bildern der im Buch beschriebenen Trainer und Hunde und einem interessanten Blog: http://catwarren.com