Rezension: Das geheime Netzwerk der Natur

Netzwerk NaturDas geheime Netzwerk der Natur
Wie Bäume Wolken machen und Regenwürmer Wildschweine steuern
Peter Wohlleben
Ludwig Buchverlag, 2017
224 Seiten
ISBN 978-3453280960
19,99 €

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Inhalt
Die Natur steckt voller Überraschungen: Laubbäume beeinflussen die Erdrotation, Kraniche sabotieren die spanische Schinkenproduktion und Nadelwälder können Regen machen. Was steckt dahinter? Der passionierte Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben lässt uns eintauchen in eine kaum ergründete Welt und beschreibt das faszinierende Zusammenspiel zwischen Pflanzen und Tieren: Wie beeinflussen sie sich gegenseitig? Gibt es eine Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Arten? Und was passiert, wenn dieses fein austarierte System aus dem Lot gerät? Anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und seiner eigenen jahrzehntelangen Beobachtungen lehrt uns Deutschlands bekanntester Förster einmal mehr das Staunen. Und wir sehen die Welt um uns mit völlig neuen Augen …

Rezension
Wer über die Frankfurter Buchmesse 2017 schlendert, dem fällt auf, dass sie diesmal reichlich “grün” ist. Umwelt und Natur liegen im Trend. Und so bleibt es auch nicht aus, dass dem Messebesucher am großen Random House Stand in der Halle 3 überall das Grün der Bücher von Peter Wohlleben entgegenleuchtet.
Es mit gleich drei Sachbüchern unter die ersten zehn der Spiegel-Bestsellerliste zu schaffen, das gelingt nur dem Lieblingsförster der Deutschen. Ganz oben das neueste Buch des Autors „Das geheime Netzwerk der Natur“.

Mögen seine Kritiker ihn auch immer wieder heftig angreifen und ihm (unberechtigt) Unsachlichkeit und mangelnde Wissenschaftlichkeit vorwerfen, seine Fans lieben ihn. Er spricht ihre Sprache, er erzählt seine Geschichten aus der Natur, und er tut dies sehr emotional aber dennoch fundiert. Das ist es, was wir lesen wollen. Wir wollen verstehen, wie Bäume und das Netzwerk Natur funktionieren. Wir wollen uns hineinversetzen in die Tierwelt und Zusammenhänge begreifen. Nur so – weil Wohlleben uns liebevoll und emotional ermahnt – lernen wir einen besseren Umgang mit der Natur.

„Das geheime Netzwerk der Natur“ befasst sich mit einem breiten Spektrum von Themen – vom kleinsten Regenwurm in der Erde bis zu den Wolken am Himmel. Der Autor ist bekannt dafür, dass er sich nicht scheut, heikle Themen anzusprechen – beispielsweise das Füttern von Wildtieren. Und er weist immer wieder auf die Zusammenhänge in der Natur hin und mahnt davor, ihr ins Handwerk zu pfuschen. Denn die Veränderung des einen Teils zieht eine Veränderung des anderen nach sich.

Ein wichtiger Punkt, den Wohlleben anspricht, ist die Empathie: „Sie ist eine der stärksten Kräfte im Umweltschutz und kann mehr bewirken als sämtliche Vorschriften und Gesetze.“ Wie wahr!

Die Wolfsfreunde kommen gleich im ersten Kapitel auf ihre Kosten.
Das Kapitel „Wald und Klima“ sollte zur Pflichtlektüre unserer Politiker werden, besonders derer, die die globale Erwärmung immer noch leugnen.

Und gerade die, die dem Autor „mangelnde Wissenschaftlichkeit, Emotionalität und Vermenschlichung“ vorwerfen, sollte das letzte Kapitel ansprechen: „Über die wissenschaftliche Sprache“. Dem Autor ist es wichtig, die Fakten emotional begreiflich zu machen. Und das ist ihm auch mit diesem Buch wieder vortrefflich gelungen.

Interview mit Peter Wohlleben zum Buch
© Verlagsgruppe Random House

Nachdem Sie uns bereits mit der Erkenntnis überrascht haben, dass Bäume miteinander kommunizieren und Tiere ähnlich fühlen wie wir, erzählen Sie in Ihrem neuen Buch vom Netzwerk der Natur. Was genau verstehen Sie darunter?
Peter Wohlleben: In der Natur ist alles mit allem verbunden. Das klingt banal, und dennoch führt diese Tatsache immer wieder zu überraschenden Resultaten. So setzte man Fische in einem Fluss aus, die dort ursprünglich nicht heimisch waren. Die Folge: Es kam zu einem starken Rückgang der Hirschpopulation. Wölfe, die wieder zurückkehren, ändern den Lauf von Flüssen – auch damit hatte vorher niemand gerechnet. Wir sind einfach noch zu stark in dem Baukastendenken verhaftet, in dem jedes Wesen einen Platz X und eine einzige Wirkung Y hat.

Wenn alles wie ein Uhrwerk fein austariert ist, welche Konsequenzen hat es dann, wenn wir Menschen in die Kreisläufe unseres Ökosystems eingreifen?
Peter Wohlleben: Die Konsequenzen sind nicht vorhersehbar. Zugegeben: vieles klappt auch, wie etwa die Erholung der Kranichbestände durch den Schutz ihrer Brutplätze. Dass dadurch aber die Schinkenproduktion in Spanien leidet, hatte niemand auf dem Schirm.

Wie bitte? Können Sie das erläutern?
Peter Wohlleben: Gerne! Die Kraniche ziehen im Herbst nach Spanien in die Steineichenwälder. Dort ernähren sie sich von Eicheln. Die nutzen die Bauern dort aber als Schweinefutter, und die Freude über die Erholung der Kranichbestände hält sich verständlicherweise in Grenzen. Die Lösung wäre, wieder mehr Steineichenwälder statt Nadelholzplantagen wachsen zu lassen – dann könnten sich Schweine und Kraniche die Früchte friedlich teilen. Genau das ist es aber: Wir müssen ganze Ökosysteme in ausreichender Größe erhalten, die sich dann selbst regulieren. Da spielt es dann keine Rolle, ob wir sie verstehen oder nicht, weil sie auch ohne unser Zutun funktionieren.

Sind Menschen dann nicht generell Störenfriede in diesem Netzwerk?
Peter Wohlleben: Nein, ganz im Gegenteil: Wir sind Bestandteil dieser wunderbaren Umwelt. Dafür möchte ich den Blick schärfen. Mir geht es weniger darum, darüber zu jammern, was wir aktuell an Problemen verursachen als vielmehr darum zu zeigen, was es alles Wunderbares zu entdecken gibt.

Wie sehen Sie sich selbst in diesem Gefüge?
Peter Wohlleben: Ich bin ein vergnügter Beobachter und genieße das Treiben der Natur um mich herum. Weil ich so viele Waldführungen mache und die Teilnehmer die Informationen gerne schriftlich hätten, schreibe ich nach und nach alles auf. Vielleicht bin ich so etwas wie ein Dolmetscher für Pflanzen und Tiere – auch wenn ich deren Sprache höchstens ansatzweise beherrsche.