Rezension: Das Auge von Licentia

Licentia

Das Auge von Licentia
Deana Zinßmeister
Arena, 2017
320 Seiten
ISBN 978-3401603506
Empfohlenes Alter: 12 – 15 Jahre
15,00 €

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Inhalt
Jonata lebt mit ihrer Familie in der Mittelaltersiedlung Licentia. Smartphones, den Supermarkt um die Ecke, all das kennt sie nicht, ahnt noch nicht mal von deren Existenz. Und schon gar nicht weiß sie, dass „Licentia“ in Wahrheit eine Fernsehshow ist, und die ganze Welt ihr und den anderen Bewohnern Licentias zusieht – jeden Tag, schon seit Jahren. Erst, als sie auf Tristan trifft, einen Jungen aus dem verfeindeten Clan der Wolfsbanner, kommen die Lügen und Geheimnisse ihres Dorfs langsam ans Tageslicht, und Jonata wird für manche Dorfbewohner zu einer Bedrohung …

Rezension
„Licentia“ ist das erste Jugendbuch der Bestseller-Autorin für historische Romane. Die Grundidee und die Handlung sind äußerst faszinierend. Die Geschichte spielt in drei parallelen Welten und wird aus verschienenen Perspektiven erzählt: Mittelalter trifft Truman Show.

Die Autorin ist bekannt dafür, dass sie sehr intensiv recherchiert. Für dieses Buch hat sie im Wolfspark Werner Freund recherchiert und auch mit Werner Freund gesprochen. So entstanden dann die Aussagen über das Verhalten der Wölfe: Es geht um Dominanz, Verteidigung des Rangs und darum, keine Schwäche zu zeigen. „Als Rudelanführer war es seine Aufgabe, das Wild zu töten und sich als Erster daran zu laben. Erst wenn er gesättigt war und von dem Kadaver zurückwich, durfte der Rest des Rudels seinen Hungen stillen.“

Dieses von der Autorin geschilderte Verhalten trifft zwar so auf Gehegewölfe zu, jedoch verhalten sich Wölfe in freier Wildbahn anders. Da im Roman aber die Wölfe auch in Gehegen gehalten werden, sind die Schilderungen erklärbar und ich kann gut damit leben.

Die Sprache von Deana Zinßmeister ist auch in diesem Buch poetisch und bildreich. Auch wenn es als „Jugendbuch“ verkauft wird, kann es durchaus auch von Erwachsenen gelesen werden.

Das Cover ist wunderschön, jedoch irritieren mich, dass die Buchseiten am oberen rechten Rand gedruckt sind. Dennoch soll dies nicht den Genuss des Buches schmälern. Für mich ist „Das Auge von Licentia“ ein spannendes und absolut lesenswertes Buch.

Interview mit Deana Zinßmeister, Autorin von „Das Auge von Licentia“, und Tatjana Schneider vom Wolfspark Werner Freund.
(Interview: Arena Verlag)

Frage an Deana Zinßmeister: Liebe Frau Zinßmeister, bisher kennen wir Sie als Bestsellerautorin im Genre des historischen Erwachsenenromans. Mit „Das Auge von Licentia“ erscheint nun Ihr erstes Jugendbuch. Gab es Unterschiede beim Schreiben zwischen diesen beiden Genres bzw. Lesergruppen?
Deana Zinßmeister: Jugendliche besitzen noch ihre Fantasie, die sie durch einen Roman trägt. Sie benötigen keine Beschreibungen bis ins kleinste Detail, um sich in die Geschichte fallen zu lassen. Manche Erwachsene hingegen verlieren im Laufe des Älterwerden ihre Fantasie und wollen deshalb alles genau beschrieben haben. Z.B. wie lang das Haar ist und der Scheitel rechts oder links liegt. Oder wie die Knöpfe vom Kleid aussehen, die Blumen am Wegesrand riechen, das Mondlicht ins Fenster scheint etc. In Das Auge von Licentia gibt es eine Szene, in dem die Figur sich einen Sud aufbrüht. In einem Erwachsenenroman würde ich genau beschreiben, wie die Person Feuer entfacht, heißes Wasser zubereitet, wie die Kräuter aussehen, welche Heilwirkung sie haben und wie der Tee duftet. Doch für Jugendliche reicht die Tatsache, dass derjenige Kräuter mit heißem Wasser übergießt – fertig. Jugendliche erwarten Aktion, Spannung und ein gewisses Maß an Gefühlen, aber keine langen Beschreibungen.

Frage an Deana Zinßmeister: Für das Setting von „Licentia“ haben Sie sich eines besonderen dramaturgischen Kniffs bedient: Sie legten die Geschichte in unserer realen Zeit an und lassen den Plot dabei in drei „Welten“ parallel spielen. Mögen Sie uns diese kurz skizzieren?
Deana Zinßmeister: Das Auge von Licentia entführt die Leser aus dem Hier und Jetzt in ein Mittelalterdorf, ohne dass die Figuren durch ein magisches Tor schlüpfen müssen oder sonst irgendein Fantasy-Spektakel passiert. Auch könnte meine Romangeschichte Wirklichkeit werden, denn sicherlich hat schon jeder von uns einmal den Wunsch verspürt, sein Leben zu entschleunigen. Auch dem Arbeitsdruck, dem immer und überall Erreichbaren und der Technik zu entsagen und auszusteigen. Dieser Gedanke hat mich fasziniert und ich erfand einen Fernsehsender, der ein Experiment wagt. Er will eine Aussteigersendung produzieren und sucht über eine Zeitungsannonce mutige Menschen, die ein Mittelalterdorf in den Weiten des Uralgebirges gründen. So entstand Licentia. Doch nach einiger Zeit teilt sich die Aussteigergruppe, da manche von ihnen unterschiedliche Interessen haben. Es entsteht ein weiteres Dorf, das Wolfsbannerdorf, das abgelegen in einem anderen Tal liegt. Wie der Name vermuten lässt, leben dort die Dorfbewohner mit Wölfen zusammen, was für einige Aufregung sorgt. So begleitet mich der Leser in den Sender, nach Licentia und in das Wolfsbannerdorf.

Frage an Deana Zinßmeister: Frau Zinßmeister, Sie sind bekannt für Ihre fundierte Recherche. Für „Licentia“ haben Sie gleich zu zwei sehr spannenden und zugleich recht gegensätzlichen Fachbereichen tiefgründige Nachforschungen betrieben: Zum einen haben Sie sich auf dem Gebiet der Drohnen informiert und zum anderen sehr intensiv mit den Lebensgewohnheiten der Wölfe befasst, indem Sie im Wolfspark Werner Freund recherchierten. Was hat Sie an diesen Tieren am meisten fasziniert?
Deana Zinßmeister: Wenn man diese Tiere sieht, möchte man sie wie einen Hund streicheln, umarmen und knuddeln. Doch Wölfe lassen sich nicht domestizieren. Sie behalten ihre Eigenständigkeit und das Wilde und das ist die Faszination.

Frage an Frau Schneider: Frau Schneider: Sie beobachten nun seit Jahrzehnten Wölfe aus den verschiedenen Teilen der Erde. Gibt es hier Unterschiede im Verhalten der Tiere?
Frau Schneider: Es gibt Unterschiede, die auf der Größe der Beute, Klima und Umgebung basieren. Je größer die Beute ist, umso größer ist die Wolfsfamilie. Weiterhin ist die Körpersprache, Mimik und Audio eigentlich bei allen Wölfen auf der Welt gleich. Es gibt Unterschiede im Temperament, denn jeder Wolf ist ein eigenes Individuum.

Frage an Frau Schneider: In „Licentia“ leben die Wolfsbanner zusammen mit den Wolfsrudeln und haben hier die Funktion der Leittiere inne, die sich immer wieder gegen die stärksten Rudelmitglieder behaupten müssen. Sie „füttern“ die Wölfe mit rohem Fleisch von Mund zu Maul. Tristan beißt sogar, um seine Überlegenheit zu beweisen, dem aufmüpfigen, jungen Wolf Arthus ins Ohr. Das mutet für den Leser zunächst befremdlich an. Hat in dieser Form auch Werner Freund, der 1977 den „Wolfspark Werner Freund gründete und mit den Wölfen lebte, seine Stellung innerhalb der Rudel behauptet?
Frau Schneider: Werner Freund hat mal hier und da einen Wolf genauso behandelt, aber nur als Korrektur, damit er noch ins Gehege rein konnte, aber nie bis zur Verletzung. Werner hat nie eine Hauptrolle gespielt in deren Hierarchie.

Frage an Frau Schneider: Der Wolf ist auf der Rückkehr. Bereits in weiten Teilen Deutschlands ist er wieder zu beobachten. Hier gibt es in der Bevölkerung viel Verunsicherung. Ist Ihrer Meinung nach die friedliche Koexistenz von Wölfen und Menschen, indem jeder in seinem Bereich lebt, möglich?
Frau Schneider: Unsere Nachbarländer beweisen, dass es möglich ist, miteinander zu leben. Dass jeder sein eigenes Gebiet bekommt, wird ein bisschen schwierig, weil der Mensch immer mehr Gebiet für sich einnimmt. Die große Frage ist, ob wir nach 150 Jahren ohne den Beutegreifer Wolf bereit sind, ihn in unserer Mitte zu tolerieren oder zu akzeptieren. Eine Existenz miteinander ist auf jeden Fall möglich! Man muss es nur wollen…

Liebe Frau Zinsmeister, liebe Frau Schneider, vielen Dank für das Gespräch.